Speck, Hendrik. Suchmaschinen als Gralshüter. in: Eberspächer, Jörg und Stefan Holtel. Suchen und Finden im Internet. Springer. December 11, 2006, 233 pages. Language: German. ISBN: 978-3-540-38223-2.

Proceedings of: Speck, Hendrik. Münchner Kreis. Übernationale Vereinigung für Kommunikationsforschung. Suchen und Finden im Internet. Fachkonferenz. February 1, 2006. Munich (Germany).

SUCHMASCHINEN ALS GRALSHÜTER

Hendrik Speck

Mit der Entwicklung des Internet zum Massenmedium, gefördert durch die dezentrale Struktur des Mediums als auch die niedrige Einstiegsbarriere, steigt die Anzahl der zur Verfügung stehenden Informationen exponentiell an. Das neue Medium ermöglicht es uns, ohne Rücksicht auf soziale Barrieren auf Wissen zuzugreifen (zumindest in den westlichen Industriestaaten) und gleichzeitig aktiv an der Gestaltung der Informationsgesellschaft teilzunehmen. Bibliotheken und ihre Stichwortkataloge erlaubten uns bisher mehr oder weniger effektiv auf das bereits indizierte und archivierte Wissen zuzugreifen. Das exponentielle Wachstum des Internet und seine flüchtige Struktur mit wesentlich geringeren Wissenshalbwertzeiten kann jedoch von traditionellen Indexsystemen nur schwerlich dargestellt werden - der Aufwand für die Pflege dieser Kataloge würde ins Unermessliche steigen.

Suchmaschinen, automatische Indiziersysteme, scheinen einen Ansatz zur Lösung zu bieten, sind aber längst nicht ausgereift und können ihrer Funktion nicht immer gerecht werden. Suchmaschinen ermöglichen durch die in sie implementierten Verfahren und Algorithmen den zentralen Zugang auf die vernetzte Struktur von Dokumenten, Medien und Linkstrukturen und transformieren sich somit zu den Gralshütern der Wissensgesellschaft. Für die Lernprozesse von Schülern und Studenten ist das Medium kaum wegzudenken, die Pole Position im Suchmaschinenbereich definiert sich durch mehrere Billionen Dokumente; mehr als ein Drittel der Menschheit sucht in Ihnen mindestens einmal am Tag nach bestimmten Informationen; mehrere Hundert Millionen Anfragen werden täglich allein von den Marktführern bearbeitet.

Suchmaschinen haben in den letzten Jahren blitzartig Schlüsselfunktionen innerhalb unserer Medien- und Informationslandschaft eingenommen - die explodierenden Börsenkurse sprechen dabei Bände. Umso erstaunlicher ist es, daß diese Entwicklung zum jetzigen Zeitpunkt kaum medienpolitisch hinterfragt wird. Bemängelt wird meist nur der Verlust der staatlichen Filter- und Kontrollfunktion, eine tiefergehende kritische Auseinandersetzung findet kaum statt. Suchmaschinen werden im Allgemeinen als wertvolle, moralisch unfehlbare, kostenlose Dienstleistungen betrachtet - das eigentliche Geschäftsmodell dieser Informationsdienste bleibt zumeist hinter der Hochglanzfassade verborgen. Allein die Bezeichnung Suchmaschine ist nicht nur ein populäres Mißverständnis sondern eine semantische Fehlbesetzung, im Grunde genommen handelt es sich bei den besprochenen Serviceangeboten nicht um Suchmaschinen, sondern um Verkaufsmaschinen mit ähnlichen Verhaltensmustern wie die Drückerkolonnen der Regenbogenpresse. Eine Analyse der Jahresberichte macht offensichtlich, daß sich die Gewinne der vermeintlichen Suchmaschinen mehrheitlich auf den Verkauf von direkter Werbung, Sponsorenergebnissen oder gar bezahlten Ergebnislisten zurückführen lassen - nur ein statistisch irrelevanter Bestandteil der Gesamtsumme entspringt aus (der Lizenzierung von qualitativ hochwertigen) Suchtechnologien und -dienstleistungen.

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IST GOOGLE GOTT?

Die Schlüsselfunktion der Suchmaschinen spiegelt sich auch in der rapiden Entwicklung der Suchtechnologien und Online Märkte nieder, dies wird durch die zu beobachtende Konsolidierung des sich verändernden Marktes noch verstärkt. Vor noch nicht einmal fünf Jahren war der Suchmaschinenbereich ein boomender Technologiesektor mit Dutzenden von innovativen Wettbewerbern, die sich ein spannendes Rennen um interessante Technologien, Algorithmen und Darstellungsmethoden lieferten. Diese Situation hat sich geändert - Namen wie Altavista, Lycos, Hotbot oder Inktomi sind im Sprachgebrauch des Durchschnittsnutzers durch das Wort „googlen“ als Synonym für Suche ersetzt worden. Das Geheimnis von Google besteht hauptsächlich in der Vision, eine Suchmaschine erfolgreich betreiben zu können; in einem zum damaligen Zeitpunkt überlegenen Verfahren (welches jedoch schon seit ewigen Zeiten für die Bewertung von wissenschaftlichen Arbeiten eingesetzt wird), in der strikten (räumlichen) Trennung von (direkter) Werbung und Suchmaschinenergebnissen; in der mittlerweile gewonnenen Nutzerzahl und im angewachsenen (Börsen)Wert der Marke selbst.

Google never did any advertising. They're like dealers; they sell the stuff, but they know better than to use it themselves.
(Quelle: Paul Graham, Author, Programmer and Investor)

Mit der abgeschlossenen Googlelisierung der Gesellschaft konzentriert sich die Aufmerksamkeit, aber auch die anwachsende Kritik auf dem Marktführer. Dies gilt auch für diesen Artikel - Google ist jedoch nur eine Firma, die in relativ kurzer Zeit ihre Technologie erfolgreich kommerziell verwertet hat - andere Firmen und Suchmaschinen versuchen Vergleichbares, teilen jedoch nicht denselben kommerziellen Erfolg. Verschiedene Untersuchungen belegen die absolute Marktdominanz der drei Marktführer: Google (80%), Yahoo (10%) und MSN (5%). Dieses Triumvirat hat die wissensgesellschaftliche Bedeutung des Suchmaschinenmarktes erkannt und in hochprofitable Verkaufsmaschinen verwandelt. Entsprechende Prognosen unabhängiger Analysten bescheren den Marktführern der Searchengine (und Onlinemarketing) Industrie innerhalb der nächsten Jahre mehrstellige Steigerungsraten.

Ohne ein entsprechendes Ranking innerhalb der Ergebnislisten der (gegenwärtigen) Marktführer wird jedes Informationsangebot im Internet für den Nutzer praktisch unauffindbar - eine Servicedienstleistung, die auf das Internet als Vertriebskanal angewiesen ist, kann somit keine Kunden anziehen. Suchmaschinen haben jedoch auch dafür eine Lösung parat und bauen auf der Not des Anbieters ihr eigentliches Geschäftsmodell auf: Informationsanbieter können Werbeflächen, Sponsored Results, Paid Clicks oder gar spezielle Rankings direkt (oder indirekt) von den Suchmaschinen erwerben - mit zum Teil nicht unerheblichen Kosten für die Informationsanbieter und entsprechenden Gewinnen für die Suchmaschinen. Ein Schelm wer Böses dabei denkt.

Die technologische Führungsrolle jedoch wird im Suchmaschinenbereich nicht immer von den Marktführern übernommen - andere Anbieter und Open Source Projekte können zum Teil wesentlich innovativere Ansätze vorstellen, da die Profitinteressen von Google und Co. teilweise einer Erfüllung der Kundenwünsche entgegenstehen. Die erdrückende Macht der Schwergewichte und die monopolerhaltende Kombination von Suche und Werbung erzeugt eine Monokultur einer Suchmaschinenlandschaft - die Suchverfahren und Ergebnisse der Marktführer gleichen sich mehr und mehr an - innovative Ansätze werden bereits im Ansatz unterdrückt. Das Innovationstempo der Marktführer nimmt dabei geriatrische Züge an - dies ist auch dem Markt nicht verborgen geblieben: Google, noch nie sonderlich erfolgreich mit der Lizenzierung ihrer Technologie, hat im Jahr 2004 einen absoluten Tiefpunkt erreicht - nur noch 1% des Betriebseinnahmen wurde durch die Vermarktung von Lizenzen erwirtschaftet - für ein Technologieunternehmen ein bedenklicher Indikator.

Es wird immer offensichtlicher, daß auch kommerzieller Erfolg nicht automatisch repliziert werden kann, monetäre Gewalt kann - wie auch Microsoft ständig erfahren muss, fehlende Innovation und Kreativität nicht kompensieren. Die strategische Antwort der Marktführer besteht deshalb zumeist im Aufkauf und in der Assimilierung kleinerer, innovativere Unternehmen, da viele der eigenen, internen Technologieexperimente in der letzten Zeit nicht gerade von Erfolg gezeichnet waren. Googles „me too“ Produkte wie Google Talk (Chat und Internet Telefonie) sowie Orkut (Soziales Netzwerk) treffen vermehrt auf innovativere Produkte und werden zu Recht von kompetenten Kritikern verrissen. Der Ausbau der eigenen Produktpalette, beziehungsweise der durch die Börsenkapitalisierung ermöglichte Aufkauf von kreativen Ideen und Wettbewerbern erlaubt dennoch die Expansion der Marktführer, verbunden mit einem Ausbau der Werbesysteme, größerer Zielgruppen und verstärkter Erfassung der Nutzer.

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EUKALYPTUSPLANTAGEN UND ANDERE MONOKULTUREN

Problematisch ist dabei nicht nur die Monopolstellung - selbst die eingesetzten Rankingverfahren sind fragwürdig beziehungsweise nicht transparent. Keine kommerzielle Suchmaschine dokumentiert die eingesetzten Verfahren und Kriterien, die zur Auswahl und zur Einordnung von Dokumenten und Webseiten benutzt werden - von Google existieren nur einige ältere und längst überholte Konzeptdarstellungen - Transparenz innerhalb der Suchmaschinenindustrie reduziert sich vielmehr auf die Anwaltssprache verklausulierter Patentsbeschreibungen. Searchengines bleiben deshalb für ihre Nutzer ein unerklärbares, allwissendes Orakel. Ranking Entscheidungen sind als solche nicht nachvollziehbar und erscheinen dem durchschnittlichen Nutzer als willkürlich. Ein derartiges Verhalten behindert den Wettbewerb und fördert Halbwissen, mit dem Insider (sogenannte Suchmaschinenoptimierer) Manipulationsmaßnahmen zur Promotion individueller Kundeninteressen vornehmen können - die Masse der normalen Webseiten wird dagegen benachteiligt. Ein gutes Suchmaschinenranking ist damit nicht mehr eine Frage der Qualität des ursprünglichen Angebotes, sondern wird mehr und mehr zu einer reinen Investitionsfrage.

Problematisch erweisen sich auch die Ausrichtung und die Schwachstellen der gegenwärtigen Search Engine Algorithmen, die soweit publiziert, auf Linkpopularity basierten Verfahren beruhen. Diese Algorithmen betrachten im Allgemeinen Links als „Stimmen“ beziehungsweise als Qualitätsindikatoren für den Inhalt bestimmter Dokumente. Diese Algorithmen sind nicht in der Lage, den Unterschied zwischen dem populärsten Dokument und dem qualitativ hochwertigsten Dokument festzustellen – ein Popularität beziehungsweise Pagerank (PR) (Brin und Page 1998) basiertes Verfahren setzt diese im Gegenteil gleich, Gossip wird dabei ein dem Inhalt nicht entsprechender Informationsgehalt zugeschrieben. Dies führt zu weiteren Manipulationsansätzen, der sogenannten PR-ostitution, bei der Internet Content Provider ihren Pagerank künstlich durch technische beziehungsweise kaufmännische Methoden erhöhen, um Search Engines eine höhere Qualität vorzuspiegeln.

Die proprietären Monopolstrukturen und die fehlende öffentliche Auseinandersetzung dokumentieren sich auch in der unzureichenden Evolutionsgeschwindigkeit heutiger Suchmaschinen. Die Anpassung an Nutzerbedürfnisse, neue Technologien, oder neue Dokumenttypen demonstriert die fehlende Innovationsbereitschaft der Informationsmonopole. Die mangelhafte Integration und Indizierung von Macromedia Flash-Dateien oder Open Office Dateien in den heutigen Suchmaschinen zeigt, wie langsam auf entsprechende Veränderungen im Netz reagiert wird. Das Multimedia Format Macromedia Flash wird von einer Mehrheit der Browser interpretiert; viele Webseiten setzen das Format für interaktive Webapplikationen ein; der Hersteller Macromedia stellt ein seit Jahren ein dokumentiertes Interface zu Indizierung von Flash-Dateien zur Verfügung – bis zum jetzigen Zeitpunkt sind Flash Inhalte jedoch in kaum einer Search Engine komplett integriert.

Die oben bereits erwähnte Profitorientierung von Search Engines steht nicht nur im krassen Gegensatz zur europäischen Aufklärung, zu freien Bibliotheken, und offenen Bildungssystemen – sie konterkariert auch die Bestrebungen, objektive Suchergebnisse zu liefern. Das Hauptziel einer Suchmaschine ist oftmals nicht der Nutzen für den User, sondern die kommerzielle Verwertbarkeit – dies wird von Search Engines auch offen eingestanden:

Currently, the predominant business model for commercial search engines is advertising. The goals of the advertising business model do not always correspond to providing quality search to users.
(Quelle: Google. The Anatomy of a Large-Scale Hypertextual Web Search Engine.)

Das Monokulturen nicht nur in der freien Wildbahn anfällig sind, sondern auch im Internet eine gesellschaftliche Gefahr darstellen, wird durch mehrere Vorkommnisse bezeugt, bei denen die Suchmaschine Google im unrühmlichen Mittelpunkt steht. Ende 2004 griff ein Wurm (Santy) bestimmte Bulletin Boards (PHPBB) an, indem er automatische Anfragen bei Google als Tatwerkzeug nutzte, um Webseiten zu identifizieren, die Schwachstellen (PHP Script Injection Vulnerability) fuer eine weitere Infektion aufweisen. Damals wurden mehr als 40.000 Rechner befallen und Google sah sich gezwungen, ihre Suchverfahren zu verändern. In einem zweiten Fall manipulierte ein anderer Wurm (P2Load.A) an Google gerichtete Suchmaschinenanfragen und schüttet den Nutzer mit Werbung zu.

Search engines make it easier for everyone to gain information, hackers included.
(Quelle: Danny Sullivan, Editor der Website SearchEngineWatch.com)

In beiden Fällen wurde Google ein bequemes Ziel für Kriminelle, da die Suchmaschine eine entsprechende Monopolstellung innehat und somit durch die entsprechenden Nutzerzahlen für Werbeträger aller Art interessant wird. Mittlerweile haben sich einzelne Nutzer (Jonny Long) darauf spezialisiert, Google-Anfragen aufzuspüren, mit denen sich Kreditkarten genauso gut auffinden lassen wie Passwörter, Online Bestellungen, ungeschützte Bestellsysteme und Webserver, fernsteuerbare Netzwerkdrucker, Webcams und vieles andere mehr.

Um dies klarzustellen: Google ist nicht für die Schwachstellen verantwortlich, stellt jedoch mit seiner allumfassenden Datenbank das Tatwerkzeug bereit - entsprechende Kritiken sind mehrfach an Google gerichtet worden. Die verspäteten Reaktionen von Google frustrierten Fachleute der Antivirusfirmen, die glauben, daß sich entsprechende Attacken sehr einfach filtern lassen würden - Google hatte jedoch auf ihre entsprechenden Bitten nicht reagiert.

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INNOVATION

Der Charme der technologischen Überlegenheit, den Google zu Beginn des Suchmaschinenzeitalters verbreitete, hat in den letzten Jahren massiv gelitten. Eine für den Geschmack der meisten demokratischen Gesellschaften mangelnde Corporate Responsibility Googles, die fehlende Transparenz in Algorithmen und Business sowie die anscheinende Willkür bei Rankingverfahren und gegenüber Werbepartnern (Click Fraud) sind der Marktposition und der daraus resultierenden, gesellschaftlichen Bedeutung des Unternehmens nicht angemessen und werden von Google umgehend geändert werden müssen.

Humorvolle Einlagen, wie bei der Präsentation des CFO beim Google's Analyst Day schaffen nicht immer neue Freunde. (Aktienunternehmen veranstalten üblicherweise Präsentationen ihrer Chief Financial Officer innerhalb sogenannter Analystentage - Google dagegen präsentierte den versammelten Wall Street Börsianern und Investoren nicht den Chief Financial Officer George Reyes, sondern den Chief Food Officer Charlie Ayers - eine Position, die in jeder deutschen Universität mit der Bezeichnung Mensachef versehen wird. Nun sind gegrillte Schweinelenden sicherlich für manche Leser durchaus faszinierend - die Zuneigung, die Google durch die Börsianer erfahren darf, wird dadurch jedoch nicht unbedingt steigen. Der vorher im Versteigerungsverfahren, ohne Bankenkonsortium durchgeführte Börsengang Googles hat dafür schon entsprechende Hinweise gegeben.) Diese Sensibilität zeigt sich auch in der im März 2006 stattgefundenen Abwertung des Google Börsenkurses durch die Börsianer, nachdem durch eine peinliche Panne interne Geschäftsprognosen veröffentlicht wurden - dies ausgerechnet von einer Firma, die sich ansonsten sehr bedeckt hält, wenn es um die Publikation von Technologien, Geschäftsdaten und Prognosen geht.

The company's pattern of financial miscommunication is challenging our enthusiasm for the shares.
(Quelle: Mark Mahaney, Citigroup Analyst)

Google appears to be miscommunicating on a regular basis. Clearly, some things need to change ... Google owes its shareholders to issue financial guidance.
(Quelle: Jordan Rohan, RBC Capital Markets Analyst)

Google als kommerzielles Unternehmen muß dabei nicht nur eine Gratwanderung zwischen Nutzer und Shareholderinteressen durchführen, selbst die Cash Cow Werbung schafft mehr und mehr Probleme: das auf dem Pay Per Click (PPC) verfahrende Werbemodell von Google-Werbenden ist immer massiveren Attacken aus dem kriminellen Milieu (Click Fraud) ausgesetzt. Die Betrugsmaßnahmen erzeugen dabei durch "gefälschte" Klicks auf die zu bezahlende Werbung zum Teil enorme Kosten für die Werbetreibenden und diese fühlen sich von Google im Stich gelassen, wenn es um das Identifizieren, Dokumentieren und Verhindern derartiger Betrugsversuche geht. Google verspielt dabei das Vertrauen seiner (werbenden) Hauptkunden und Einkommensquelle - dies ist Google jedoch nicht erst nach dem im März 2006 mit einigen Klägern abgeschlossenen Vergleich im Umfang von 90 Millionen USD bewusst:

I think something has to be done about this really, really quickly, because I think, potentially, it threatens our business model.
(Quelle: Google CFO George Reyes)

Suchmaschinen enttäuschen auch auf anderen Gebieten das Vertrauen des Nutzers. Die kürzlich zur Verfügung gestellte Google Toolbar Plugin für den Open Source Browser Firefox enthält eine aktivierbare sogenannte Autolink Funktion, die dem Nutzer als Shopping Erleichterung verkauft wird. Verschwiegen wird jedoch, daß Google dazu den Original Code der Website so manipuliert, daß Google von sämtlichen Verkäufen profitiert – auf Kosten des ursprünglichen Content Providers. Google schädigt damit unter anderem viele gemeinnützige Vereine und karitative Einrichtungen, die zum Beispiel durch die Vermittlung von relevanter Fachliteratur Spendengelder einwerben. Google verheimlicht diese Manipulation dem Nutzer und verhält sich mit der Veränderung der sogenannten Affiliate ID wie ein unredlicher Versicherungsvertreter.

Dieses Verhalten ist das komplette Gegenteil vom öffentlich zur Schau getragenen philantrophischen Verhalten Googles – mehr noch, die Manipulation des Codes ohne explizite Zustimmung der Urheber stellt nach Ansicht von Experten eine Copyrightverletzung dar, die sich nur Großkonzerne erlauben können – der an einem P2P Filesharing Netzwerk teilnehmende Schüler wird dagegen für eine in diesem Vergleich absolut vernachlässigbare Aktion in einem Verfahren abgeurteilt, das Großteile der Bevölkerung kriminalisiert. (Eine Untersuchung des gesamten Geschäftmodells einer Suchmaschine, welches in der Erfassung und der Herstellung von Kopien beziehungsweise Cache Files ohne explizite Erlaubnis der Urheber besteht, verspricht insbesondere unter Copyright Gesichtspunkten bei der Caching Funktion sehr interessante Ergebnisse.)

With Auto Link versus Smart Tags, the toolbar is different in that it's only installed by users [as opposed to automatically being part of the browser] and is by no means a majority.
(Quelle: Marissa Mayer, Google's Director of Consumer Web Products)

Fairerweise muß auch hier wieder dazugesagt werden, daß Google auch durchaus gesellschaftlich gewünschte Funktionen implementiert. Die oben erwähnte Toolbar enthält unter anderem einen eingebauten PopUp Blocker – welcher von der Mehrzahl der Nutzer ganz klar begrüßt wird – obwohl auch hier den PopUp Spammern und Werbetreibenden potentielle Einnahmen entgehen. Der ethische Unterschied zwischen beiden Funktionen besteht im Wesentlichen in der wesentlich klareren, dokumentierten und durch den Nutzer begrüßten Funktion des Blockers im Vergleich zur verborgenen Manipulation zur Profitgewinnung durch die Autolinkfunktion. Googles Toolbar begibt sich dabei gleichzeitig in die Nähe von Dialern und Viren, die ebenfalls aus niederen Profitgründen eine Manipulation des Content vornehmen – gleichfalls ohne verständliche Erklärung für den Nutzer.

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ALLES UMSONST ?

Die gesellschaftliche Bedrohung, die aus der Monopolsituation entstanden ist, kann auch in anderen Bereichen gespürt werden. Dazu gehört sicherlich die Tatsache, daß alle Marktführer ausländische Technologien einsetzen und gleichzeitig durch ihre Firmensitze nur der ausländischen Gerichtsbarkeit verpflichtet sind. Die zentralisierte Struktur kommerzieller Unternehmen ist dabei politisch immer angreifbarer als eine verteilte, auf vielen Schultern ruhende Open Source Entwicklungsumgebung. Die auf Marktkapitalisierung abzielende Firmenstruktur verhindert gleichzeitig durch ihre marktbeherrschende Stellung Evolution und erzeugt manipulationsanfällige Eukalyptus"kulturen", die sich im Suchmaschinenbereich durch fehlende Transparenz, schlechten Kundenservice und schlechte Algorithmen auszeichnen. Der zwangsläufig reduzierte Genpool solcher Monokulturen ist erweist sich schnell als Entwicklungsgegner und richtet sich gegen die technologische Artenvielfalt - Google, MSN und Yahoo versuchen diesen Mangel an Kreativität durch die Blockade und den Aufkauf innovativer Ideen sowie durch den horizontalen Ausbau ihrer Dienste wettzumachen.

Entgegen dem allgemeinen Verständnis sind Search Engines momentan nicht in der Lage, alle verfügbaren Informationen zu indizieren. Folgt man den Erkenntnissen verschiedener Untersuchungen (Sander-Beuermann 2004 und Heise 2004), scheitern selbst die Marktführer bei mehr als 30% beziehungsweise 60% der im Netz publizierten Inhalte. Dies erweist sich als umso gravierender, da insbesondere Zeitungsarchive, proprietäre Wissensdatenbanken oder die Publikationen wissenschaftlicher Konferenzen und Forschungszentren kaum von den allgemein zugänglichen Search Engines bedient werden. Dazu kommt, daß ein großer Teil des heute schon verfügbaren Wissens überhaupt nicht im Internet verfügbar ist. Ein Informationssuchender muss sich deshalb bis jetzt mit einem sehr kleinen Teil des zur Verfügung stehenden Wissens zufriedengeben, welches zusätzlich durch den ständig zunehmenden Search Engine Spam überlagert wird.

Die Instanz Suchmaschine erweist sich auch als Zeitfalle für die Verbreitung von Informationen. Nach der Publikation von Informationen im Internet kann es Monate dauern, bis diese Information von einer Suchmaschine gefunden und in den Index übernommen wird. Es vergehen mitunter sehr lange Zeiträume, bis diese Information anderen Nutzern zur Verfügung steht und weiterentwickelt werden kann. Selbst Marktführer Google zeigt dem User Ergebnisse mit teilweise veralteten Daten an und liefert so unbrauchbare Resultate.

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DIE ZENSOREN

Das Grundrecht auf informationelle Selbstbestimmung ist auch durch die gegen und von den Suchmaschinen ausgeübte Zensur gefährdet. Obwohl in nahezu jeder freiheitlich demokratischen Grundordnung die Zensur als Regulierungsinstrument verpönt ist, wird sie dennoch durch die Hintertür wieder eingeführt. Dabei handelt es sich innerhalb von Suchmaschinen um zwei unterschiedliche Arten der Zensur: Suchmaschinen müssen zum Einen die Rechtsgrundlage ihres jeweiligen Landes beachten und unterliegen dabei auch den dort üblichen politischen, sozialen und religiösen Restriktionen. Hierbei handelt es zumeist um gesetzliche Vorschriften beziehungsweise gesellschaftliche Handlungsanweisungen - in beiden Fällen sind diese jedoch durch Sozialisation bedingt und als solche auch nachvollziehbar.

Zensur existiert jedoch auch in einer indirekteren Form und nutzt dabei die fehlende Transparenz der Suchmaschinenalgorithmen aus. Basierend auf anderen gesetzlichen Grundlagen, wie zum Beispiel in den durch Lobbyinstitutionen der Musik- und Filmindustrie geforderten Copyrightrichtlinien, wird dabei eine subtile Form der Contentkontrolle betrieben, die sich zum einen teilweise im rechtlichen Graubereich befindet, zum anderen jedoch kaum nachweisbar ist. Derartige Bemühungen, aus welchen Beweggründen auch immer, sind durch die fehlenden Rechenschaftspflichten der Suchmaschinenbetreiber schwieriger zu verifizieren und zu bekämpfen, als die gesellschaftlich fixierten Normen und Moralvorstellungen.

Jeder hat das Recht, seine Meinung in Wort, Schrift und Bild frei zu äußern und zu verbreiten und sich aus allgemein zugänglichen Quellen ungehindert zu unterrichten. ... Eine Zensur findet nicht statt.
(Quelle: Grundgesetz der Bundesrepublik Deutschland Artikel 5)

Dies gilt insbesondere für die Vereinigten Staaten von Amerika, die mit ihren entwicklungshemmenden Patentverfahren und einseitigen Auslegungen von Intellectual Property defacto eine ökonomische Kriegsführung („Lawfare“) auf der Basis von Handelsabkommen und -begünstigungen führen. Da alle Marktführer ihre Firmenzentralen in den USA haben, wird dem internationalen User praktisch das amerikanische Werte- und Rechtssystem aufgezwungen. Das Internet wandelt sich damit von einem nationalitätsfreien Raum zu einem Raum, in dem Kleinstaaterei zum politischen Konzept gemacht wird. Problematisch ist dabei zusätzlich, daß diese Zensurmaßnahmen für den User nicht transparent gemacht werden. Dies wird unter anderem an der Zensur von Suchergebnissen mit erotischem Inhalt, an der Chinesischen „Firewall“ (Edelman and Zittrain), an den Kontrollbestrebungen von Scientology, sowie an den Zensurversuchen regionaler Regierungsbehörden in Deutschland deutlich.

Es ist in diesem Zusammenhang wichtig anzumerken, daß Google dabei durchaus eine positive Rolle einnehmen kann. Google arbeitet eng mit dem Chilling Effects Clearinghouse, einer Kooperation der Electronic Frontier Foundation, Harvard, Stanford, Berkeley, University of San Francisco, University of Maine, George Washington School of Law, und Santa Clara University School of Law zusammen. Das Ziel des Projektes besteht in der Analyse copyrightbedingter Zensurmaßnahmen und der Offenlegung von Personen und Firmen, die das Copyright und andere Gesetze dazu benutzen, um andere Nutzer mundtot zu machen. Goggle muß in solchen Fällen zwar der (amerikanischen) Gesetzgebung folgen, bringt im Gegensatz zu seinen Mitbewerbern aber einen entsprechenden Hinweis innerhalb der Suchergebnisse an, die dem Nutzer bei der Aufklärung des Sachverhaltes dienlich sein können.

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STRUKTURWANDEL DER ÖFFENTLICHKEIT - UND PRIVATSSPHÄRE

It's data that's practically a printout of what's going on in your brain: What you are thinking of buying, who you talk to, what you talk about.
(Quelle: Kevin Bankston, Anwalt der Electronic Frontier Foundation)

Die Macht der als Search Engines bezeichneten Konzerne erstreckt sich über einen wesentlich größeren Einflußbereich, als im Allgemeinen wahrgenommen. Dabei gibt es für die informationelle Selbstbestimmung des einzelnen Nutzers selbst dann keinen Schutz, wenn er bewusst auf die Nutzung der Google Suche verzichtet - die einzelnen Daten werden dabei in einem weit verzweigten Netzwerk unterschiedlicher Dienste erfasst. Google Gmail zum Beispiel bietet den Nutzern mehrere Gigabyte kostenlosen Speicherplatzes an, dafür werden die Emails dauerhaft erfasst, um mit entsprechender kontext-bezogener Werbung versehen zu werden. Die Profilierung und Erfassung der Nutzerinteressen schließt dabei automatisch die Kommunikationspartner des jeweiligen Nutzers ein, selbst wenn diese niemals einer derartigen Kompromittierung ihrer Privatsphäre zustimmen würden. Google benutzt, wie viele andere Anbieter auch, sogenannte Cookies zur Identifizierung und Erfassung einzelner Accounts und kann damit Suchanfragen, Services, Neigungen und Interessen einzelner Accounts nachvollziehen. Problematisch ist hierbei, daß die von Google platzierten Cookies bis zum Jahr 2038 gültig bleiben - eine Gültigkeitsdauer, die selbst die von europäischen Strafverfolgern gewünschte Speicherung von Kommunikationsdaten um ein Vielfaches überschreitet.

Das Bestreben der Suchmaschinenbetreiber, möglichst alles über den einzelnen Nutzer zu erfahren, endet jedoch nicht mit der physischen Verbindung zum Internet: Alle Suchmaschinen bieten mittlerweile eine sogenannte Desktop Suche an, die alle Dateien, die sich auf dem Computer des Nutzers befinden, analysiert und erfaßt. Die absolute Kontrolle über im Desktop abgelegten Nutzerdaten und die damit verbundenen Schnittstellen kann sich als genauso relevant erweisen, wie die Kontrolle über das zugrundeliegende Betriebssystem. Aufgrund der Bedeutung für den Nutzer, es geht hier um das Verwalten der nutzerspezifischen Daten und Dokumente, wird wahrscheinlich innerhalb dieses Sektors die Führungsposition im Information Retrieval Sektor entschieden.

Es verblüfft deshalb sicherlich nicht, daß Search Engines flankierend Angebote bereithalten, die noch detailliertere Angaben über die Nutzergewohnheiten anbieten und noch unerforschte Nutzergruppen erschließen. Dazu gehören unter anderem die sogenannten Web Accelatoren, die Webinhalte innerhalb des Netzwerkes zwischenspeichern und dadurch dem Nutzer vermeintlich schneller ausliefern können - in einzelnen Fällen sind in diesen gespeicherten Kopien auch persönliche und private Informationen enthalten. Erwähnenswert ist sicherlich das WLAN Projekt von Google, welches mit dem sogenannten Google Secure Access Client eine nahezu vollständige Kontrolle der Nutzerprofile innerhalb des (drahtlosen) Internet bietet.

Ein weiteres Projekt würde sich nahtlos in diese Produktpalette einfügen: GDrive, eine netzwerkbasierte Speicherlösung, bei dem Google alle Nutzerdaten, einschließlich Emails, Surfgewohnheiten, Bildern, Dokumenten und Lesezeichen verwaltet und dem Nutzer an allen Orten der Welt (zur weiteren Vermarktung) zur Verfügung stellt. Eine Kombination all dieser Dienste muß alle geheimdienstlichen Bemühungen lächerlich erscheinen aber auch alle Vorstellungen von einer Privatsphäre als überholt erscheinen lassen. Google behält sich in ihren Privacy Guidelines auch ausdrücklich derartige Vermarktungsmethoden vor.

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DATENSCHUTZ - EIN MYTHOS

We may share the information submitted under your account among all of our services in order to provide you with a seamless experience and to improve the quality of our services.
(Quelle: Google Privacy Guidelines)

Der Umfang der angesammelten Informationen ist dabei auch anderen Parteien nicht verborgen geblieben: Der im Oktober 2001 unmittelbar auf die Terroranschläge in Amerika verabschiedete USA PATRIOT ACT (Uniting and Strengthening America by Providing Appropriate Tools Required to Intercept and Obstruct Terrorism), der im März 2006 wieder verlängert wurde, schließt die Auswertung derartiger Datenquellen ausdrücklich mit ein. Mit dem Ziel der Terrorismusbekämpfung erweitert der Patriot Act die Rechtsbefugnisse der U.S. Justiz und schränkt bewußt Bürgerrechte und Freiheiten ein.

Es ist den amerikanischen Behörden dabei sicher nicht unangenehm, daß die Richtlinien für Datensammlungen privater Firmen nicht den vergleichsweise harten Schutzkriterien öffentlicher Ämter und Dienste genügen müssen - dank dieser Konstruktion kann man parlamentarische Kontrollinstitutionen teilweise unterlaufen und auf notwendige Entscheidungen entsprechender Justizorgane verzichten. Mit sogenannten National Security Letters - insbesondere mit dem Verweis auf die Nationale Sicherheit - werden Gerichtsentscheidungen hinfällig und Datenschutzrechte - auch europäischer Google/MSN/YAHOO Nutzer - Makulatur.

We are moving to a Google that knows more about you.
(Quelle: Eric Schmidt, Google's Chief Executive Officer)

Welche Konsequenzen der ganz alltägliche Verlust der Privatsphäre haben kann, kann durch Eric Schmidt, Google's Chief Executive Officer und Schöpfer des obigen Zitates, selbst bestätigt werden. Im Juli 2004 hat eine amerikanische Zeitschrift (CNet News.) nach eigenen Angaben nur 30 Minuten benötigt, um Schmidts Alter (50 Jahre), seinen geschätzten Reichtum (1.5 Milliarden USD), die von ihm erzielten Gewinne beim Verkauf von Google Aktien (90 Millionen USD und 50 Millionen USD nachdem die Aktien auf über 300 USD gestiegen waren), seinen Wohnsitz im mondaenen Atherton (mit Ehefrau Wendy) und seine politischen Neigungen und Spenden (10.000 USD allein für eine Kampagne von Al Gore) herauszufinden. Eine entsprechende Suche zeigt auch bemerkenswert sympathische Seiten des Firmenbosses - er ist ein aktiver Privatpilot und besuchte das Burning Man Festival in Nevada, ein Mekka der Kreativen Amerikas.

Die Veröffentlichung des Artikels und die Demonstration der Fähigkeiten der eigenen Firma hat nicht die volle Zustimmung von Eric Schmidt gefunden - David Krane, Googles Public Relations Direktor verhängte daraufhin ein einjähriges Kommunikationsverbot über die Zeitschrift: "You can put us down for a 'no comment". (Das Schweigegelübde wurde erst nach einer Weile wieder aufgehoben.) Die veröffentlichten Informationen und das damit verbundene Eindringen in die Privatsphäre stimmen sicherlich bedenklich - sind aber im Vergleich zu den Datenmengen, die Google über individuelle Nutzer ansammeln kann, absolut irrelevant. Den meisten Nutzern werden die Konsequenzen einmal veröffentlichter (privater) Informationen erst sehr spät bewusst – die Folgen können dabei durchaus von Schwierigkeiten bei einer Bewerbung (wegen einer einmaligen, vor Jahren gegebenen unbewussten Äußerung) bis hin zum Identitätsdiebstahl gehen (durch veröffentlichte Social Security Nummern).

On the more exciting front, you can imagine your brain being augmented by Google. For example you think about something and your cell phone could whisper the answer into your ear.
(Larry Page, Google Gründer)

Eine unregulierte Datenbank mit der Dimension einer Suchmaschine kann dabei durchaus zum weltweit größten Spionagetool führen. Problematisch erscheint deshalb nicht nur die Tatsache, daß Google über diese Datensammlungen nicht Rechenschaft legt, sondern auch die durch den Bannfluch offenkundig gewordenen Schwierigkeiten Googles mit der Pressefreiheit. Eine derartige Doppelmoral ist besonders bei einer Firma beklagenswert, die mitentscheidend für die Informationsfreiheit im Internet ist.

Das Bedrohungspotential ist dabei wesentlich größer als jenes, welches durch bestimmte mobile Endgeräte erzeugt wird – dennoch ist bis zum jetzigen Zeitpunkt keine entsprechende Warnung durch das Bundesamt für Sicherheit in der Informationstechnik beziehungsweise durch die Wirtschaftsschutz Dezernate des Verfassungsschutzes der einzelnen Länder ausgesprochen worden. Der Einsatz des Blackberry Systems ist von diesen Behörden „in allen sensiblen Bereichen“ verboten worden, da die Daten dieses Systems auf ausländischen Servern zentral gehostet werden – die deutschen Regulierungsbehörden haben es bis jetzt jedoch versäumt, die Auswirkungen des Patriot Aktes und der Suchmaschinenindustrie – mit Millionen von Nutzern, Profilen, Cookies, Suchanfragen und Desktop Search Tools der Öffentlichkeit darzulegen. Dies ist nicht erstaunlich, da es seitens der Suchmaschinenbetreiber als auch seitens der jeweiligen Staaten kaum Bemühungen zum Aufbau entsprechender Kompetenzen und Kooperationen (in den jeweiligen Staaten) gibt.

Bad artists copy. Great artists steal.
(Quelle: Pablo Picasso)

Auf entsprechende Kooperationsanfragen wurde dem Autor dieses Artikels bisher von leitenden Mitarbeitern von Google Deutschland beschieden, daß Google zum gegenwärtigen Zeitpunkt nicht besonders an einer Zusammenarbeit bei Forschungs- oder studentischen Diplomthemen innerhalb der deutschen Hochschullandschaft interessiert ist. Das Monopolunternehmen hat bis zum jetzigen Zeitpunkt keinen ernstzunehmenden Forschungsstandort innerhalb Deutschlands. Ein Vergleich der Stellenausschreibungen der letzten Monate belegt eine Firmenphilosophie, die Deutschland noch nicht einmal als verlängerte Werkbank betrachtet. Der Großteil der Stellen bezieht sich direkt auf den Verkauf und die Verwaltung ausländischer Technologien - deutsche Interessen, Werte und Besonderheiten wurden bei ihrer Entwicklung nicht berücksichtigt.

Verglichen mit anderen Unternehmen mit ähnlicher Marktkapitalisierung produziert Google keine beziehungsweise nur sehr wenige publizierte wissenschaftliche Publikationen und Arbeiten - dies ist symptomatisch für ein Unternehmen, dessen Geschäftsprinzip im Wesentlichen in der Absorption, Vermischung und im Verkauf kreativer Leistungen anderer besteht - selbstverständlich unter Hinzufügung der nötigen Werbeeinblendungen. Manche Kritiker der Suchmaschinen bezeichnen die Unternehmen deshalb aufgrund ihres Auftretens, der ausschließlichen Wissensschöpfung im Ausland und der mangelnden Einbettung in die deutsche Lehr- und Forschungslandschaft als Parasiten der Wissensgesellschaft.

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GOOGLE - THE NEXT GENERATION

Es wäre jedoch falsch, Google des Stillstandes zu bezichtigen. Allein der Börsengang und die notwendige Vertretung der Interessen der Shareholder zwingt Google zur Profitmaximierung und damit zur Optimierung ihrer Produktpalette. Dazu gehört mit Sicherheit die Verbesserung ihrer Kernprodukte, insbesondere die Eliminierung von Webspam, Dupletten, kommerziellen Affiliate Strukturen und Spamnetzwerken.

'What would a perfect search engine look like?' we asked [Sergey Brin, Google Gründer]. 'It would be the mind of God. Larry [Page] says it would know exactly what you want and give you back exactly what you need.

Das Unternehmen wird außerdem die Eroberung des Deep Web forcieren - unter anderem durch Kooperationen mit Informationsanbietern wie Zeitschriften- und Magazinen, Verlagen, Filmstudios und wissenschaftlichen Archiven. Es ist weiterhin offensichtlich, daß Google die momentan noch stiefmütterlich behandelte Suche von Audio, Video und eventuell Sprachaufnahmen beziehungsweise Liedern verstärkt forcieren. Insbesondere bei der Bildbearbeitung, Bilderfassung und Bilderkennung bietet sich eine Verschmelzung von Googles Picasa Produkt und der rudimentären Bildersuche an, die zu einem eigenständigen Geschäftsbereich, einschließlich Bildarchiv, Austauschplattform und Druckservice ausgebaut werden - eventuell unter gewinnbringender Einbeziehung von Drittanbietern. Google kann damit klassischen Bilderdatenbanken und Agenturen Paroli bieten und weitere Werbeflächen anbieten. Google wird vermutlich auch verstärkt die semantische Suche und Natural Language Processing implementieren, mit denen Algorithmen eine bessere Erkennung der Kundenwünsche ermöglichen können.

Better to be a pirate than to join the navy.
(Quelle: Steve Jobs, Chef von Apple)

Generell wird Google versuchen, sein Monopol und die gegenwärtigen Stärke der Marke Google zur Promotion von neuen Produkten und Services zu benutzen, die die eigene Produktpalette abrunden - zumeist durch Absorbierung der kreativen Arbeit anderer kombiniert mit automatisierter und gefilterter Bereitstellung innerhalb proprietärer Produkte. Ansätze gibt es bereits durch die Propagierung bestimmter Formate, Schnittstellen und Sitemaps, die Webmastern zum Beispiel durch eine verbesserte Einbeziehung ihrer Seiten durch Google schmackhaft gemacht werden. Weitere Ideen basieren auf der Ausnutzung des globalen Netzwerkes des Unternehmens durch die Implementierung von Transaktionssystemen wie Paypal - Google wird entsprechende Systeme mit ihrer Shopping Suchmaschine verknüpfen, um auch hier die Wertschöpfungskette zu maximieren. Andere in der Diskussion befindliche Ideen sehen das Angebot von Voice Over IP Lösungen, drahtlosen Netzwerken sowie vermeintlich dezentralem Speicher vor, die die Grundlage für die Vermarktung von mobilen Dienstleistungen bilden dürften.

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GANZ GALLIEN IST VON GOOGLE BESETZT ... GANZ GALLIEN?

Es ist vermutlich illusorisch zu hoffen, daß Google einer Dezentralisierung ihrer Suchdienste zustimmen wird - es ist momentan noch nicht im Geschäftsinteresse von Google, ihre Technologie der Open Source Community zur Verfügung zu stellen, sich damit der Kritik auszusetzen, die zentrale Kontrolle (und politische Verantwortung) über die indizierten Dokumente zu verlieren -und damit letztendlich einen wahren Beitrag zur Verbreitung von Wissen und Informationen zu leisten. Google wird eher an der Optimierung der Suchergebnisse und an der Verfeinerung des Suchinterfaces arbeiten - und damit jedoch wesentliche Möglichkeiten verschenken. Google könnte seine Monopolstellung dazu nutzen, um Führungsqualitäten im Suchmaschinenbereich zu entwickeln: Google könnte bewusst Standards fördern und implementieren, die eine verbesserte Nutzung (Usability) und Accessibility von Dokumenten ermöglichen, Google könnte aber auch Vorreiter für die Archivierung von Wissen werden - ein gesellschaftliches Bedürfnis, welches zum Beispiel von Archive.org und Wikipedia erkannt und umgesetzt wurde.

Dies würde eine verstärkte Hinwendung zu den nichtkommerziellen Wurzeln von Google erfordern, zum Beispiel durch eine Unterstützung der Open Source Community, indem nicht nur die Schnittstellen für bestimmte Programme und Dienstleistungen Googles publiziert werden, sondern auch der komplette Quellcode und die zugrunde liegenden Ideen freigegeben werden. Ein derartiger Markt der Ideen wäre ein Quantensprung von der jetzigen Geschäftspolitik, welche die Bindung und kommerzielle Ausbeutung fähiger Programmierer mittels Schnittstellen ermöglicht. Die Offenlegung, Optimierung und Weiterentwicklung der Algorithmen ist auch im Sinne der Suchmaschinenbetreiber. Dies gilt gleichfalls für Googles Print Initiative - ein durchaus lobenswertes Projekt, welches jedoch aufgrund von Googles Vermarktungsstrategien kontrovers diskutiert wird. Insbesondere in Gallien, beziehungsweise dem Rechtsnachfolger Frankreich, stoßen derartige Bestrebungen unangenehm auf – hier rächt sich, daß Google und seine Wettbewerber kaum auf öffentliche oder nationale Belange (außerhalb amerikanischer Interessenssphären) eingehen.

Es stellt sich zugleich die Frage, ob der existierende Bedarf einer Gesellschaft nach digitalisierten, archivierten, verfügbaren Wissen durch eine einzige Firma mit klaren Profitabsichten abgedeckt werden kann und vor allem darf. Das zur Debatte stehende Wissen ist von einer Gemeinschaft von Künstlern, Autoren und Wissenschaftlern geschaffen worden - es gehört zum Kulturerbe einer jeden Gesellschaft. Es erscheint nicht zweckmäßig, die kommerziellen Eigeninteressen einer bestimmten Firma (zum Beispiel durch die Öffnung staatlicher Bibliotheken, Archive und Copyrightklauseln) zu fördern, ohne daß durch diese Firma das entsprechende Wissen an die Gesellschaft zurückgegeben wird (am Besten unter einer Open Source/GPL Lizenz). Alternativen scheiden zum jetzigen Zeitpunkt aus, beziehungsweise werden durch andere Marktteilnehmer (Yahoo) erst angekündigt - eine Monopolstellung von Google Print hätte drastische Konsequenzen für Bibliotheken, Schüler und Studenten, da die Förderung und finanzielle Absicherung kaum einer gemeinnützigen Bibliothek langfristig gesichert wäre, wenn kommerzielle Anbieter diese Inhalte (direkt oder indirekt) für sich vereinnahmen könnten. Geldmittel zur Vermittlung durch von Suchmaschinen „umsonst“ zur Verfügung gestelltem Wissen für Bibliotheken würden nur schwer vermittelbar - eine einmal zerstörte Wissens- und Bildungslandschaft ist jedoch praktisch nicht mehr wiederbelebbar.

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DON'T BE EVIL

Google hat verschiedene Optionen, um wieder die Initiative zu ergreifen - die Offenlegung der Algorithmen zur Verbesserung der Suchergebnisse steht dabei an prominenter Stelle. Google könnte damit offen auf die Open Source Gemeinde zugehen und gleichzeitig die Qualität der eigenen Dienste verbessern. Um die Zuneigung der Entwicklergemeinde nicht zu verspielen, wird Google um eine wesentlich stärkere Förderung im Bereich Forschung und Entwicklung innerhalb der einzelnen Länder nicht umhinkommen. Es kann davon ausgegangen werden, daß Google dies bewusst ist - das drohende Beispiel des Internet Explorers und der im Vergleich dazu blühenden (virusfreien) Entwicklungsumgebungen des Mozilla/Firefox Browsers ist nicht zu übersehen. (Auch in diesem Bereich ist Google ein Lapsus unterlaufen: ein für Webmaster aber auch für Googles weitere Entwicklung wichtiges Tool - die Google Toolbar - war über lange Zeit nur in einer proprietären Version für den Microsoft Internet Explorer verfügbar, damit wurden ganze Nutzergemeinden und Betriebssysteme - Linux - von der Nutzung ausgegrenzt.)

Googles Öffnung zum Open Source Bereich auf GPL-Basis könnte erfolgreich der Monopolkritik entgegenwirken. Eine Zusammenarbeit mit Entwicklungspartnern in Hochschulen und Universitäten sorgt dabei nicht nur für ein besseres Image und fähige Fachkräfte, sondern könnte auch die Initialzündung für eine gänzlich veränderte Entwicklungslandschaft werden. Eine derartige Landschaft könnte auch mit Recht als Vertreter öffentlicher Interessen auftreten und als Garant für Informations- und Meinungsfreiheit wirken. Ein derartiges Zusammenspiel öffentlicher und privater Interessen sollte auch im Interesse der kommerziellen Searchenginebetreiber sein – ihre Existenzberechtigung und ihr Monopol bestehen nur aus einem fragiles Gefüge im Spannungsfeld von Nutzerzuneigung, Shareholdervalue, gesellschaftlicher Akzeptanz und Wirtschaftlichkeit.

We're trying to make Google a place where people live online.
(Quelle: Eric Schmidt, Google CEO)

Momentan ist die Symbiose zwischen Nutzern, Suchmaschine, Börsianern, Contentprovidern, Advertisern und Gesellschaft zum Teil ernsthaft erschüttert - und dies kann auch für Google gravierende Konsequenzen haben. Dem Marktführer steht das Beispiel anderer, in gesellschaftliche und politische Ungnade gefallener, Monopole vor Augen - in den Vereinigten Staaten wurde 1984 das Monopol der größten amerikanischen Telefongesellschaft (ATT) zerschlagen, um den Wettbewerb zu stimulieren. (ATT wurde dabei in mehrere kleine Telefonunternehmen mit regionalen und nationalen Netzen zerlegt.) Microsoft war zum Zeitpunkt der Untersuchung der Geschäftsgebaren durch die Europäische Union gleichfalls das Zentrum einer derartigen Debatte, das Unternehmen sollte dabei in die Bestandteile Betriebssysteme und Officesoftware getrennt werden, um eine weitere Stärkung des doppelten Monopols zu verhindern. Eine entsprechende Diskussion für den Suchmaschinensektor erscheint den Marktführern der Suchmaschinenindustrie umso dringlicher, als kein bisheriges Medium einen derartigen gesellschaftlichen Durchdringungsgrad vorzuweisen hat – für jedes andere Medium: Zeitschriften, Radio und Fernsehen gelten jedoch ganz klare Regeln und Begrenzungen, die in Deutschland durch das Bundeskartellamt, zusammen mit den Landeskartellbehörden überwacht werden - zum Schutz des Wettbewerbs und des Innovationspotential der deutschen Wirtschaft. Diese zentrale ordnungspolitische Aufgabe ist Bestandteil jeder Marktwirtschaft und kann durchaus dazu führen, daß zur Förderung des Wettbewerbs die Suchmaschinenmonopole in verschiedene Bestandteile, wahrscheinlich parallel zur Grabenkluft Suchmaschine und Vermarktung, zerschlagen werden müssen – insbesondere, wenn dies zur Wahrung nationaler Interessen erfolgt. Dabei hilft der amerikanischen Firma Google auch nicht die propagierte Google Geschäftsphilosophie:

Don't be evil.

Unter Umständen können sich Gesellschaften gezwungen sehen, Google und anderen Suchmaschinenbetreibern einige Zeilen hinzuzufügen - der Vorschlag des britischen Staatsmannes und Philosophen Edmund Burke wird dann sicherlich dazugehören:

All that is necessary for the triumph of evil is that good men do nothing.

- Google könnte mehr tun.

Anmerkung: Der vorliegende Artikel basiert auf der Publikation "Die Google Gesellschaft" und einer Präsentation des Authors auf einer Veranstaltung des Münchner Kreises: "Suchen und Finden als Bindeglied im Productportfolio" Februar 1, 2006. Der Author bedankt sich hiermit für die hilfreichen Kommentare seiner Assistenten Frédéric Philipp Thiele und Josefine Peller.

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ANGABEN ZU AUTOR

Professor Hendrik Speck lehrt an der Fachhochschule Kaiserslautern im Fachbereich Informatik/ Interaktive Medien, wo er das Information Architecture/ Search Engine Labor der Fachhochschule leitet. Er unterrichtete und referierte an der International School of New Media, European Graduate School, New School of Social Research und an der Columbia University; er referiert auf Konferenzen und publiziert über Multimedia, Media and Communications, Search Engines, Intellectual Property, Open Source, E-Learning, Data Security und Information Operations. Prof. Speck ist Co-Author des Buches „Die Google Gesellschaft“ (Transcript, 2005). Er arbeitete als Consultant und unterrichtete mehrere graduate courses in Europa und in den Vereinigten Staaten, insbesondere in den Bereichen Design/ Multimedia, Media Management, Usability Engineering, und Leadership/New Media.

Er diente als Chief Information Officer und Assistant Director der European Graduate School und entwickelt Distance Learning und Elearning Konzepte sowie Marketing Strategien für verschiedene Bildungseinrichtungen und Unternehmen. Professor Speck ist ein Fulbright Scholar, DAAD Stipendiat, sowie Empfänger verschiedener Stipendien, unter anderem: Heinrich Böll Stiftung, New School University (New York), sowie European Graduate School.