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Sat.1. Verräterischer Online-Auftritt - wie Exhibitionismus im Netz Karrieren zerstört. Sat.1. March 1, 2009.

Verräterischer Online-Auftritt - wie Exhibitionismus im Netz Karrieren zerstört.

Kein Foto ist zu peinlich, keines zu geschmacklos oder beschämend. Mit dem Internetexperten Hendrik Speck durchforsten wir soziale Netzwerke. Und wir finden schnell Profile, auf denen Internetnutzer ihr komplettes Privatleben preisgeben.

Zum Beispiel das von Dirk. Der Elektrotechnik-Student hat offenbar keine Geheimnisse. Er zeigt sich auf Party-Schnappschüssen, veröffentlicht seinen gesamten Lebenslauf und präsentiert diverse Interessensgruppen, in denen er sich engagiert.

Prof. Hendrik Speck, Internet-Experte: „Das ist zusammengenommen natürlich ein relativ komplexes Profil, was sehr, sehr gut geeignet ist, einen entsprechenden Nutzer wiederzugeben.“

Dirks komplexes Profil verrät uns und Millionen Internetusern viele intime Details über sein Leben. Wir stellen alle Informationen über ihn zusammen und überraschen ihn zu Hause. Dirks Adresse finden wir dank seines Datenstrips problemlos heraus.

Konfrontation Reporter mit Dirk N.: „Alles Gute zum Geburtstag nachträglich!“ - „Danke!“ - „Gut gefeiert?“ - „Ja!“ - „Skifahren war auch gut?“ - „Ihr wisst ja schon ziemlich viel über mich!“ - „Erkältung auch überstanden?“ - „Ja, auf alle Fälle!“ - „Klausuren stehen an?“ - „Ja!“ - „4,0 Punktlandung wie immer?“

Ja, wir wissen ziemlich gut Bescheid über Dirk. In Fotoalben hat er zudem alles genau dokumentiert. Auch seine peinlichen Partyerinnerungen. Alle Bilder aneinandergehängt ergeben eine Strecke von knapp einem Kilometer.

Konfrontation Reporter mit Dirk N.: „Das erste hier ist der Türkei-Urlaub?“ - „Ja, genau!“ - „Das ist das Stufentreffen!“ - „Ja genau, ihr seid gut informiert!“

Einen Klick weiter: Dirks ehemaliger Arbeitgeber. Sein kompletter beruflicher und privater Werdegang in schriftlicher Form: Sechs Seiten Hobbys, Interessen und Zukunftspläne.

Konfrontation Reporter mit Dirk N.: „Sie haben Praktikum gemacht bei Mercedes Benz, auch dort gearbeitet in den Ferien, gejobbt, wollen das – so wie ich auf der Pinnwand gelesen habe – auch in Zukunft tun. Was ist denn, wenn der Arbeitgeber mal im Profil schnüffelt?“ - „Habe ich mir auf jeden Fall auch schon Gedanken gemacht, aber habe ich eigentlich keine Angst davor, weil ich nichts zu verbergen habe. Momentan bin ich Student und lebe mein Studentenleben, wie es jeder tun sollte. Wenn es dann Richtung Ende vom Studium geht, dann werde ich auf jeden Fall weniger Party machen und mich auf den Job konzentrieren. Auf alle Fälle!“

So wie Dirk denken viele. Die berufliche Zukunft – scheinbar weit entfernt. Allein beim Marktführer studiVZ wurden schon 600 Millionen Fotos veröffentlicht. Doch im Netz geht nichts verloren.

Prof. Hendrik Speck, Fachhochschule Kaiserslautern: „Das Problem, was sie natürlich haben, ist, dass irgendwann in ein paar Jahren Informationen, Bilder oder Hintergrundgeschichten aus ihrer Vergangenheit auftauchen, die sie dann schlicht und einfach nicht mehr unter Kontrolle haben. Informationen, die sie einmal in diese Netzwerke einspeisen, werden nie wieder verschwinden!“

Und das kann nach hinten losgehen. Vor allem junge Berufstätige plaudern im Netz offen alles aus, was sie bewegt.

Wir finden das Profil von Dennis W.. Der junge Bäckergeselle hat offensichtlich die Nase gestrichen voll. Er meldet sich in einem Forum an und hetzt ganz offen über seinen Chef.

„Meiner ist das größte Arschloch, das es gibt, man kann ihm nichts recht machen. Er weiß alles besser!“

Und da Dennis direkt daneben die Adresse der Bäckerei angibt, in der er arbeitet, fahren wir einfach vorbei. Der junge Mann kommt kurz aus der Backstube, um mit uns zu sprechen.

Konfrontation Reporter mit Dennis W.: „Wie verstehen Sie sich eigentlich mit Ihrem Chef?“ - „Ich verstehe mich ganz gut mit meinem Chef in der Firma, privat habe ich mit meinem Chef nichts zu tun!“ - „Haben Sie Ihren Chef schon mal kritisiert in irgendeiner Form?“ - „Schon öfter, man gerät schon öfter aneinander!“ - „Nur im Gespräch, oder auch im Internet?“ - „Von der Arbeitsweise, und im Internet auch schon, da gibt’s ein Forum, nur über unsere Chefs!“

Und in diesem Forum veröffentlicht Dirk seinen ganzen Frust. Mitsamt Fotos von ihm und dem Chef - vor und in der Bäckerei.

Konfrontation Reporter mit Dennis W.: „Darf ich Dich bitten das einfach noch mal vorzulesen, was hier steht?“ - „Meiner ist das größte Arschloch, das es gibt, man kann ihm nichts recht machen. Er weiß alles besser, sucht immer Fehler, selbst wo keine sind. Und immer seine dummen Kommentare, zum Beispiel Pommes frites-Generation, hat nix drauf! Ich bereue meine Aussage nicht und stehe dazu. Ich sehe es auch nicht als Fehler!“

Dabei durchforsten gerade Arbeitgeber inzwischen ganz genau soziale Netzwerke.

Der Krefelder Rechtsanwalt Andreas Neuber informiert sich im Internet gründlich über jeden Bewerber, bevor er ihn zum Vorstellungsgespräch einlädt.

Andreas Neuber, Rechtsanwalt: „Ich habe die Erfahrung gemacht, dass ich auf den Social Networks eben mehr private Informationen über einen Bewerber finde, die für mich wichtig sind!“

Eine Jura-Studentin aus Krefeld zum Beispiel fällt bei Neuber durch, weil sie in ihrem Profil angibt, dass sie nicht gerne liest.

Andreas Neuber: „Die junge Dame aus Krefeld war bass erstaunt, als sie von mir über studiVZ eine Mail kriegte, wo ich sie auf den kleinen Minuspunkt aufmerksam machte. Für 90 Prozent der Menschen ist es wahrscheinlich auch nicht negativ, nicht gerne zu lesen, aber in dem von ihr angestrebten Beruf kontraproduktiv!“

Der Anwalt hat sich inzwischen ein eigenes Profil angelegt. Er hat so Zugriff auf eine Unmenge von persönlichen Daten.

Über 15 Millionen soziale Netzwerker in Deutschland lassen sich derzeit ausspähen. Und das vollkommen freiwillig.

Prof. Hendrik Speck, Informatiker: „Wir haben mittlerweile einen Umfang bei dieser Datensammlung innerhalb von diesen privat betriebenen sozialen Netzwerken erreicht, die sämtliche staatlichen Stellen in den Schatten stellen. Die Überlegungen, die wir haben, in Hinsicht auf Big Brother oder 1984 sind längst überholt im Vergleich zum Datenumfang von studiVZ oder Facebook, die tatsächlich mehr Informationen zur Verfügung haben als zum Beispiel das Einwohnermeldeamt!“

Und vor allem brisantere... Die Szene-Disko „Schwarzes Schaf“ in Münster wird zur Zielscheibe einer Hetzkampagne im Netz. Ein Polizeianwärter schreibt:

„Man könnte das Schaf auch sprengen und vorher Flyer mit Freibier verteilen, damit alle Beschmierten drin sind, wenn die Bombe hochgeht!“

Diskobesitzer Christoph Hartig entdeckt die Beleidigungen.

Christoph Hartig, Diskotheken-Inhaber: „Wenn man es genau liest, ist dort eine Eigendynamik entstanden, wo die Gruppe, die dort tätig war, nicht gemerkt hat, dass nicht nur die Grenzen des guten Geschmacks überschritten waren, sondern auch ein Bereich anfängt, wo sie sich in den Bereich Volksverhetzung hineinbegeben.“

Der Polizeianwärter post auf seinem Profil mit seiner Dienstwaffe, bezeichnet sich als „Troubleshooter“, sein Motto: „Ich tu, was getan werden muss“.

„Hauptsache die Flyer auf Türkisch, Albanisch und Russisch drucken. Damit auch alle Assis da sind!“

Christoph Hartig: „Der hat sich in einer vermeintlichen Anonymität verborgen. Und vielleicht ist es auch so, dass man es häufiger im Internet findet, dass Leute, die sonst keine Plattform haben, sich zu melden, da besonders die Möglichkeit nutzen, Luft abzulassen. Ganz klar, der hat sich total im Ton vergriffen und vergessen, wo er sich gerade äußert.“

Für den Polizeianwärter hat die Lästerei dramatische Folgen. Er wird zu vier Monaten Haft auf Bewährung verurteilt. Seine Polizei-Karriere ist damit beendet.

Prof. Hendrik Speck: „Zu den negativen Aspekten gehört dann mit Sicherheit, dass man a) die Kontrolle über das reale Leben, das physische, erste Leben im Grunde genommen verliert. Und b) dass man mit dieser Kontrolle auch Kontrolle über die eigenen Daten, Kontrolle über das eigene Abbild und also Kontrolle möglicherweise über die eigene Zukunft verliert.“

Deshalb sollten sich alle Netzwerker zumindest in die so genannte Privatsphäre zurückziehen. Ihre Daten werden so für Fremde unsichtbar.

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Professor Hendrik Speck. 2007.

Prof. Hendrik Speck
University of Applied Sciences Kaiserslautern
Department of Computer Sciences
Amerikastrasse 1
66482 Zweibrücken
Germany

Office: Building O, Room O 017

E-Mail: Hendrik.Speck  (at) hs-kl (dot) de
Phone: +49 631 3724 5360

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