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Wienand, Lars. Trauma im Web durch missbrauchte Daten: Tod einer gestohlenen Identität. Rhein Zeitung. October 3, 2008.

Trauma im Web durch missbrauchte Daten:

Tod einer gestohlenen Identität

WWW Millionen Deutsche präsentieren sich mit ihrer Visitenkarte in Internet-Plattformen, die Freunden das Finden erleichtern sollen. Doch vielen ist nicht klar, was sich mit den Funden anstellen lässt. Arglos preisgegebene Daten können buchstäblich ein Eigenleben entwickeln.

Die Stimme von Moderatorin Petra Strupp bebt, jeder aufmerksame Hörer ihres Internetradios dürfte in diesem Moment ins Stutzen gekommen sein. Dann bricht es unter Tränen aus ihr heraus: Yope ist tot. Nachdem Neonazis sie zusammengeschlagen haben. Yope, die Studentin aus Chile, die vielen Hörern und Besuchern der Seite www.ClubRadioLive.de zur Freundin geworden ist. Yope, die in der Plauderecke, dem Chat, so lustig und nett schrieb und auch auf den Bildern in ihrem Profil so lebenslustig und sympathisch wirkte. Was jetzt noch keiner weiß: Yope ist nicht tot – aber sie war nie hier. Von ihr in einem anderen Winkel des Internets eingestellte Daten haben hier ein Eigenleben bekommen, offenbar geschaffen von einem jungen Mann aus dem Kreis Birkenfeld, den im Chat alle als „Locolobo” kennen. Die Polizei geht davon aus, dass er sich im Internet Yopes Identität gestohlen und dann dem zweiten Ich ein dramatisches Ende gesetzt hat. Ein virtueller Tod, der Millionen Nutzer ereilen könnte. Soziale Netzwerke wie Wer-kennt-wen, StudiVZ oder Xing machen das leicht – und sie wachsen kräftig. Die Mitgliederzahl bei „Wkw”, wie die in Koblenz entstandene Plattform Wer-kennt-wen bei „Kennern” heißt, geht nach 1,5 Millionen im April stramm auf 4 Millionen zu.

„FKK-Kolonien des Internets”

Viele davon haben viel Freude. Es gibt aber auch Menschen wie Edgar Wagner, Landesbeauftragter für den Datenschutz in Rheinland-Pfalz, die sich dabei unwohl fühlen: „Soziale Netzwerke sind FKK-Kolonien des Internets”, sagt Wagner. „Die Leute empfinden es gar nicht so. Sie denken, sie sind unter ihresgleichen.” Und Informatikprofessor Hendrick Speck von der Uni Kaiserslautern warnte in einem Interview vor seinem Forschungsgegenstand, den Sozialen Netzwerken: „Die haben mehr Informationen, als die Stasi je hatte.”

Zurück in den Chatraum von ClubRadioLive.de: Im Frühjahr 2007 taucht dort ein neuer Name auf – „Yope”. Sie stellt sich als 23-jährige Studentin aus Chile auf Deutschlandbesuch vor. Von den anderen Besuchern hier kennt sie dem Anschein nach nur Locolobo. Dahinter verbirgt sich ein Familienvater aus dem Kreis Birkenfeld, bei dem Yope häufig zu Besuch ist, wie sie schreibt. Fast täglich ist sie jetzt hier, scherzt und fühlt per Tastatur mit den anderen mit. Als der Sender das „Girl des Jahres” küren will, stellt sie sich zur Wahl. Bilder, die ein hübsches südländisches Mädchen zeigen, untermalen ihre Bewerbung. Spätestens jetzt hat Yope ein Gesicht bekommen, gehört hier irgendwie zur Familie.

Alles nur erfunden

Doch dann, vor nicht mal einem Monat, der Schock: Locolobo berichtet im Internet, dass Yope im Saarland von Neonazis zusammengeschlagen wurde – nun ist sie im Krankenhaus. Mit zertrümmertem Kopf liege Yope dort, berichtet er von einem Besuch. Erschüttert lesen die Chatfreunde tags darauf, dass Yope für hirntot erklärt wurde. Dann schreibt Locolobo von der Ankunft von Yopes Eltern aus Chile, die ihre Tochter in der Heimat „auf Indioart” beisetzen wollen.

Unter den Internet-Freunden denkt niemand daran, dass alles nur erfunden sein könnte und dass der Mann hinter dem Spitznamen Locolobo vielleicht nur ein Wichtigtuer ist oder gar psychisch krank. „Urheberrechtsverletzung, Beleidigung und üble Nachrede” sind laut Polizeioberkommissar Reno Pund vom 2. Polizeirevier in Lübeck die Vorwürfe, mit denen ihn die Polizei inzwischen konfrontiert. Womöglich kommt noch die Vortäuschung einer Straftat hinzu, ist von der Kripo in Idar-Oberstein zu hören.

„Wir hören dauernd von meist eher als Scherz einzuordnenden Fällen von Vortäuschung einer fremden Identität”, sagt Constanze Kurz vom Chaos Computer Club (CCC), dessen Anliegen der Schutz persönlicher Daten ist. „Es kann legitim sein, sich eine andere Identität aufzubauen – wenn man nicht eine fremde stiehlt.”

Echte Gefühle um falschen Tod

Weil aber im Chat alle Locolobos Schilderungen für bare Münze nehmen, ist an ein normales Programm bei ClubRadioLive nicht zu denken. Die selbst entsetzte Petra Strupp muss auch noch Mitarbeiterinnen trösten. Moderatorin Yvonne Böhmer etwa hat es besonders getroffen: „Ich habe selbst ein Kind beerdigt.” Zwei Tage lang weint sie ununterbrochen, schläft kaum, isst nicht. Ihre Gedanken kreisen um ihre Freundin Yope.

Doch die Yope von den Fotos studiert in Lübeck Medizin und ahnt nichts von der Aufregung um ihre Person. Sie hat eine Seite bei StudiVz, einem Anbieter, bei dem Studenten Steckbriefe veröffentlichen und sich miteinander verlinken. Eigentlich hat sie auch beherzigt, was Datenschützer dringend raten: Nichts Pikantes oder Peinliches ins Internet stellen. Auch Personalchefs surfen – und nutzen die Informationen, die sich oft noch Jahre später über Bewerber finden lassen. Dann können vermeintlich lustige Fotos von wilden Partys, Informationen zu Hobbys und ein merkwürdig anmutender Freundeskreis die erhoffte Stelle kosten.

Marc Schütz & Lars Wienand; Fotomontage: Svenja Wolf

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Professor Hendrik Speck. 2007.

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