Press  »  Soziale Netzwerke. Es war einmal im wilden Netzwesten.

Thomann, Jörg. Soziale Netzwerke. Es war einmal im wilden Netzwesten. Frankfurter Allgemeine January 29, 2009.

Philipp Müller, sechsunddreißig, hat am Morgen eine neue Freundin gefunden. Im Internet. Sie heißt Vanessa, sie ist elf Jahre alt, und Müller kennt auch ihren Nachnamen und ihren Wohnort. Er hat Fotos von ihrer Familie und von ihren Freunden gesehen, er weiß, welches ihre Hobbys sind, welches ihr Lieblingsfilm ist und dass sie gerade verliebt ist. Er weiß, welche Schule sie besucht, er hat herausgefunden, in welcher Straße sie wohnt - und er kennt damit auch ihren Schulweg. Vanessa hingegen weiß praktisch gar nichts über Philipp, schon gar nicht, dass er ein erwachsener Mann ist. Für sie, denn das hat er bei der Registrierung auf der Schülertreff-Website Spickmich.de behauptet, ist er ein Schüler der fünften Klasse.

Ihren Namen, ihre Schule und ihre Hobbys hat Vanessa selbst auf der Seite von Spickmich hinterlassen, die Adresse hat Müller aus dem Telefonbuch. Und es ist ein Glück für Vanessa, dass sein virtuelles Rollenspiel keinem finsteren Plan dient, sondern der Vorbereitung auf ein Mainzer Symposion, bei dem der ZDF-Redakteur Müller eine Moderation übernommen hat. „Ach wie gut, dass jeder weiß“ heißt die Veranstaltung, und sie befasst sich mit dem „Datenouting“, das Millionen kleine und größere Vanessas freiwillig in Online-Communities wie Facebook, StudiVZ oder eben auch Spickmich betreiben - mit unabsehbaren Folgen.

Achtundsechzig Prozent aller Deutschen zwischen vierzehn und neunzehn Jahren verbringen laut einer Studie der ZDF-Medienforschung regelmäßig Lebenszeit in solchen sozialen Netzwerken des Internets, die ihnen natürliches Mittel der Kommunikation sind. Drei Viertel aller Jugendlichen haben bereits Fotos oder Filme von sich ins Netz gestellt, sechsundvierzig Prozent Fotos oder Filme, die Familie, Freunde oder Bekannte zeigen. Darüber, wie viele von jenen zuvor gefragt wurden und ihre Erlaubnis erteilt haben, liegen keine Zahlen vor.

Irritierende Offenherzigkeit

Viele Eltern muss die Offenherzigkeit, die diese neue Jugendkultur auszeichnet, irritieren. Eine Generation, der vor zweiundzwanzig Jahren die an der Haustür klingelnden Herrschaften mit den Volkszählungs-Fragebögen als Abgesandte des Teufels erschienen, muss mitansehen, wie der eigene Nachwuchs die Welt fröhlich über sein Freizeitverhalten oder seine sexuellen Präferenzen informiert. Wobei „mitansehen“ auf die wenigsten Familien zutrifft, da in der Regel die Eltern gar nicht genau wissen, was ihre Kinder im Netz so treiben.

Seit jeher suchen sich Jugendliche von den Erwachsenen abzugrenzen durch eigene Mode, Sprache und Kultur; nie aber schien der Versuch der Eltern, an der Lebenswelt ihrer Kinder teilzuhaben, so aussichtslos wie angesichts des digitalen Grabens, der zwischen den Generationen klafft, zwischen jenen, die über die Jahre den Umgang mit Textverarbeitungsprogrammen und mit E-Mails erlernt haben, und den „Digital Natives“, deren Vorstellungskraft es übersteigt, dass es einst ein Dasein ohne DSL gab. Wie übt man als Erziehungsberechtigter und -verpflichteter seine Rolle aus, wenn die, die herangebildet werden sollen, einen uneinholbaren Wissensvorsprung haben?

Jeder Vierte kennt Internet-Mobbing

Technische Fertigkeiten allerdings sind das eine, Lebenserfahrungen das andere, weit essentiellere - und solche machen manche jungen Netzwerker früher, als ihnen lieb ist. Achtunddreißig Prozent von ihnen berichten von Ärger mit durch Dritte eingestellten Privatfotos, fünfundzwanzig Prozent kennen Fälle von Internet-Mobbing oder wurden selbst zum Opfer. So wie die Zwölftklässlerin Chantal aus Opladen, die miterleben musste, wie bei der Seite SchülerVZ jemand unter ihrem Namen ein Hitler-Bild veröffentlichte, böse Gerüchte verbreitete und schließlich eine regelrechte Chantal-Hassseite einrichtete. Bis SchülerVZ nach Chantals Beschwerde die Seite löschte, vergingen - auch weil ein Wochenende dazwischenlag - vier Tage. Der Täter wurde nicht gefunden, obgleich Chantal sich mit ihrem USB-Stick zur örtlichen Polizeiwache begab. Leider, so erzählt Chantal, „hatten die Computer dort keine USB-Anschlüsse“.

Der eigenen Popularität scheinen die Plattformen nicht gewachsen. Grobe Mängel in der Datensicherung bescheinigt eine Studie des Fraunhofer-Instituts nahezu allen Anbietern. Die Netzwerke, sagt der Kaiserslauterer Informatikprofessor Hendrik Speck, befänden sich eben noch in ihrer „Wildwestzeit“. Eine Entschuldigung ist das nicht, gerade angesichts des Erfassungswahns, mit dem ein normales Netzwerk gemäß Specks Zählung sechsundneunzig verschiedene Informationen über seinen Nutzer sammelt - von persönlichen Daten bis zum Browser, mit dem er sich ins Netz begibt. Dagegen wirken die Volkszählungsbögen von 1987 mit ihren achtzehn Punkten und selbst der von Speck präsentierte Stasi-Erfassungsbogen mit achtundvierzig Fragen geradezu diskret. Zu allem Übel fordern die Voreinstellungen angehenden Netzwerkern bei der Registrierung die größtmögliche Offenheit ab; wer mehr Privatsphäre möchte, muss die Einstellungen erst ändern. So flottiert eine Vielzahl persönlicher Daten durchs Netz, wird kopiert, verkauft und ist praktisch nicht mehr zu löschen.

Zwanzig Jahre alte Gesetze

Bei der kleinen ZDF-Plattform tivi.de müssen die Eltern die Registrierung ihrer Kinder per Fax bestätigen. Eine Praxis, die für mehr Sicherheit sorgt, das Ganze für die jungen Surfer gleichwohl weniger reizvoll macht - suchen sie doch gerade den von den Eltern unkontrollierten Raum. Für Plattformen, die auf eine größere Reichweite zielen, wäre dies kaum praktikabel: Ihren Zulauf verdanken sie möglichst niedrigen Hürden. Zudem, argumentiert der Spickmich-Vertreter Thorsten Feldmann, würde die Zahl der erhobenen Daten durch eine Fax-Registrierung noch vervielfacht, wo doch die Plattformen zur „Datensparsamkeit“ angehalten seien. Tatsächlich, so bestätigt der Kasseler Medienrechtler Alexander Roßnagel, stehe ein Netzwerkbetreiber rechtlich um so besser da, je weniger er sich um die Inhalte kümmere.

Auch aus diesem Grund sieht Roßnagel den Gesetzgeber in der Pflicht: „Das geltende Recht ist nicht für die Plattformen gemacht. Es ist zwanzig Jahre alt, da hat noch kein Mensch ans Internet gedacht.“ Dabei böten schon die bestehenden Gesetze womöglich Hebel für eine radikale Durchsetzung des Jugendschutzes: Wer beschränkt geschäftsfähig ist, und das sind Menschen unter achtzehn Jahren, der darf eigentlich keinen Vertrag abschließen - genau das aber geschieht bei der Registrierung in einem sozialen Netzwerk. Doch Verbote, darüber sind sich alle Teilnehmer des Symposiums einig, sind noch nie das richtige Mittel im Umgang mit Jugendkulturen gewesen.

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Professor Hendrik Speck. 2007.

Prof. Hendrik Speck
University of Applied Sciences Kaiserslautern
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