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Jens, Tilman. Scientology, "YouTube" und die BBC. 3sat. May 25, 2007.

Scientology, "YouTube" und die BBC.

Wie die selbsternannte Kirche gegen einen Journalisten vorgeht

Der Videoclip, in dem ein BBC-Reporter ausrastet, wird weltweit diskutiert.

Ein BBC-Journalist dreht einen Film über Scientology und wird von den Scientologen nicht nur bei jedem Interview mitgefilmt, sondern auch durch "Beschattung" eingeschüchtert. Die "Wahrheitsfindung" wird mit anwaltlichen Tricks unmöglich gemacht, wenn die Rechercheergebnisse von der "Wahrheit" der Scientologen abweichen. Im letzten Interview schreit der BBC-Journalist den Vertreter der Scientologen an. Diese setzen das mitgedrehte Video ins Internet auf "YouTube". Die BBC kontert mit einem Film über Scientology, den sie ebenfalls ins Internet setzt.


Panorama. John Sweeney losing his temper. (Youtube). BBC One. Panorama. May 14, 2007. 0:47 min. Language: English.

Der weltweit diskutierte Clip zeigt die äußerste Verknappung einer wahren Begebenheit. Ist der Mann von Sinnen? Keineswegs! Aber er war über Wochen Scientology auf der Spur - und wurde bei seiner Recherche selbst zum Gejagten. Wo er sich auch immer umtat: ein Scientology-Aufpasser war schon vor Ort. Er sah sich verfolgt von der selbsternannten Kirche, die nicht nur der deutsche Verfassungsschutz als überaus gefährlich einstuft.

BBC sendet Dokumentation einer Treibjagd

Vor ein paar Tagen sendete die BBC die Dokumentation einer Treibjagd. Reporter John Sweeney, ein ganz alter Hase, zeigt hautnah die immer neuen Wendungen einer ausgefeilten Zermürbungstaktik: Selbst im Hotel lauert den BBC-Leuten der Sprecher der Scientologen auf, ein Mann namens Tommy Davis. Der ist nicht allein, sondern hat seinerseits ein Kamerateam im Schlepptau.


Panorama. Scientology and Me - Editor's View. (Youtube). BBC One. Panorama. May 15, 2007. 6:31 min. Language: English.

Reporter Sweeney sagt in der Dokumentation zu ihm: "Aus meiner Sicht spionieren Sie, spioniert die Kirche von Scientology die BBC systematisch aus, sogar noch im Hotel. Wir haben Ihnen nicht gesagt, wo wir wohnen. Sie spionieren uns aus."

Die Nachstellungen werden zunehmend dreister. Als Sweeney in Hollywood prominente Scientologen befragt, sind der Scientology-Aufpasser und seine Kameraleute stets dabei. Der einzig geschützte Ort für eine Teambesprechung scheint der Lokus. Endlich verschlossene Türen! Doch die erhoffte Ruhe währt nur Sekunden, bis die Aufpasser auch kommen.

Den Autoren diskreditieren

Es hätte bei solch amüsantem Ränkelspiel bleiben können, doch dann kam die Sache mit "YouTube", dem globalen, von Millionen genutzten Internet-Forum, in das jeder - nahezu unzensiert - seine liebsten Video-Clips einstellen darf. Der Informatiker Hendrik Speck berichtet, dass Filme oder Inhalte, die auf "YouTube" zur Verfügung gestellt werden, Zielgruppen erreichten, die von den klassischen Medien kaum noch erreicht würden. "Als Beispiel: Wir haben auf "YouTube" mittlerweile Beiträge, die von 40 Millionen Nutzern angeschaut werden. Das ist selbst von Top-Sendungen des Abend-Fernsehens mittlerweile nicht mehr zu erreichen."

Auch Scientology kann diese Internet-Plattform nutzen. Welch eine Chance!

Tage vor der Sendung tauchte bei You Tube die 41 Sekunden lange Szene mit dem schreienden BBC-Reporter auf, ohne Bennennung des Kontexts. Einfach nur wildes Gebrüll in Nah-Aufnahme. Die Bilder stammen vom Kamera-Team der Scientologen.

Der Journalist Thomas Leif von "Netzwerk Recherche" kommentiert die Szene: "Der Autor der BBC soll bestialisch präsentiert werden", erklärt er. "Dadurch, dass er die Fassung verliert, soll gezeigt werden, dass man ihm im Grunde nichts abkaufen kann, da sein Verhalten im Video klassisch journalistischen Prinzipien widerspricht. Das ist die Perfidie dieser visuellen Semantik, die dort präsentiert wird. Mit der Macht der Bilder und der Emotionalität der Bilder, versucht man hier massiv an die Persönlichkeitsrechte des Autors zu gehen, ihn zu diskreditieren und ihn im Grunde unmöglich zu machen."

Dutzende Versuche, missliebige Meinungen zu unterdrücken

Die Tatsache, dass ausgerechnet Scientology das Internet bemühte, um den Ausraster des Journalisten weltöffentlich zu machen, ist aufschlussreich. Über Jahre galt den Scientologen das Netz als Inbegriff des Bösen, das es mit Advokaten zu traktieren galt.

"Scientology hat versucht, insbesondere in den Vereinigten Staaten, mit Klagen gegen einzelne Beiträge, Inhalte und Webseiten vorzugehen, was vom Netz mit einer massiven Duplizierung, das heißt Wiederholung dieser Inhalte beantwortet wurde", beobachtet Hendrik Speck. "Scientology war nicht erfolgreich im Unterdrücken missliebiger Meinungen und Darstellungen."

Die Web-Site "Chilling Effects" dokumentiert die Versuche, freie Information über Praxis und Machenschaften von Scientology zu verhindern. "Wenn man das Stichwort 'Scientology' eintippt, sieht man sofort über die Jahre hinweg von 2001 bis 2007 Dutzende Versuche, dort entsprechende Eingriffe vorzunehmen", so Speck.

Scientologen entdecken Nutzen des Internets

Um aber einen unliebsamen Journalisten fertig zu machen, haben die Scientologen den Nutzen des Netzes entdeckt. "YouTube" als moderner Pranger? Das sind gespenstische Aussichten! "Diese Methode bei Scientology in dieser Intensität hat eine neue Qualität und Schärfe", meint Thomas Leif. "Bisher war es immer so, dass die Gegner in der Industrie oder in anderen Bereichen erstens mit juristischen Maßnahmen reagiert haben, das heißt, teure Kanzleien auf die Autoren gehetzt haben, und zweitens über PR-Agenturen eine etwas diskretere Diskreditierung verursacht haben, also Zweifel gestreut und Fragen gestellt haben. Die neue Schärfe über "YouTube", Blogs und andere Mechanismen, zeigt, dass es hier darum geht, Menschen noch viel schärfer anzugreifen."

Was aber hat es mit dem furchtbaren Schrei auf sich? Der Schauplatz war eine Scientology-Schau zum Thema Psycho-Therapie. Freuds Enkel wurden dort mit den Nazis gleichgesetzt. Da langte es dem Reporter endgültig und er rastete aus. Doch am Rande lauerte der Scientology-Aufpasser mit seinem Team und der Kamera. All das ist bei "YouTube" nicht zu sehen.

Der BBC-Reporter brüllt sich die Wut, und wohl auch die Angst aus dem Leib. Die Scientologen haben ihr Ziel erreicht. Er geht in die Falle. Wir aber haben Respekt vor dem mutigen Schreihals.

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Professor Hendrik Speck. 2007.

Prof. Hendrik Speck
University of Applied Sciences Kaiserslautern
Department of Computer Sciences
Amerikastrasse 1
66482 Zweibrücken
Germany

Office: Building O, Room O 017

E-Mail: Hendrik.Speck  (at) hs-kl (dot) de
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