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Guhlich, Anne. Partnerbörsen für Senioren. Reife Sie sucht rüstigen Ihn - vergeblich. Stuttgarter Nachrichten. February 2, 2010.

Partnerbörsen für Senioren. Reife Sie sucht rüstigen Ihn - vergeblich

Mit Menschen über 60 kann man im Internet Geld verdienen - etwa mit Partnerbörsen. Doch bei den 5,6 Millionen Single-Seniorinnen in Deutschland herrscht Männermangel. Die Herren wollen meist jüngere Frauen. Die Behauptung, ältere Damen hätten immer öfter jüngere Liebhaber, stimmt nicht.

Vielleicht hat die blonde Frau ja etwas übersehen. Sie setzt ihre Brille auf, legt die Stirn in Falten und liest noch einmal die Nachricht von Fernando auf dem Bildschirm. Sie will wissen, warum Fernando nicht mehr schreibt. Sabine Müller (Namen aller Singles von der Redaktion geändert) sucht seit September im Internet nach einem Partner. Wo soll man jemanden kennenlernen, wenn man 61 ist?, fragt die Stuttgarterin. "Der Markt ist abgegrast."

Sabine Müller weiß nicht, dass Profis aus der Werbung und der Wirtschaft Leute wie sie mit großem Interesse beobachten. Sie gehört zu den sogenannten Silver Surfern, ergrauten Internetnutzern. Während bei den 14- bis 29-Jährigen fast jeder täglich im Internet surft, sind es laut ARD/ZDF-OnlineStudie bei den über 60-Jährigen 27,1 Prozent. Viele Unternehmer glauben, dass sie hier in Zukunft viel Geld verdienen können.

Immer mehr Singlebörsen für Senioren

In Deutschland gehören extrem viele potenzielle Kunden - nämlich 19,4 Millionen Menschen - zur Generation 60 plus. Der demografische Wandel begünstigt die Verbreitung des Internets bei den Silver Surfern, weil immer mehr Senioren nachrücken werden, die PC-Erfahrung haben.

Sabine Müller weiß, dass sie nicht rot werden müsste, wenn sie von ihrer Partnersuche erzählt. Als sich ihre Wangen dennoch färben, senkt sie den Blick. Sie studiert ihre Finger, als sähe sie diese heute zum ersten Mal. Sie will nicht, dass jemand erfährt, dass sie in einer Online-Partnerbörse ist. Das klingt so verzweifelt, sagt sie. Als sie ihren Kopf wieder hebt, lächelt sie verlegen.

Das Geschäft mit der Einsamkeit lohnt sich: Online-Singlebörsen haben 2007 laut Bundesverband Informationswirtschaft, Telekommunikation und Neue Medien (Bitkom) bundesweit 85 Millionen Euro Umsatz erwirtschaftet - ein Plus von 29 Prozent im Vergleich zum Vorjahr. Bis 2011 sollen es über 100 Millionen sein, schätzt der Verband. Da die Wirtschaft auf die über 60-Jährigen setzt, gibt es immer mehr Singlebörsen speziell für Senioren. Sie heißen Späte Liebe, Reife Liebe oder Herbstliebe.

Sabine Müller ist bei Parship angemeldet. Sie hat blond gefärbtes Haar. Ihre Jeans sind eng, eng wie die Bluse. Sehen kann man das Alter bei ihr nicht, nur hören. Weil sich die Stimme mit den Jahren verändert. Seit sie bei der Partnerbörse ist, hat sie eine einzige "schön geschriebene" Nachricht erhalten - die von Fernando. Sabine Müller versteht nicht alles, was ihr Laptop macht. Jetzt zum Beispiel fängt er an zu rauschen. Sie ist ungeduldig, unterm Tisch klopfen die Absätze ihrer Stöckelschuhe auf den Holzboden. Auf dem Monitor des Rechners ist nur noch eine Sanduhr zu sehen. Das bedeutet: warten. Sabine Müller fällt das Symbol nicht auf. "Warum bist du so langsam?", flüstert sie ihrem Rechner zu. Damit es schneller geht, klickt sie mit der Maus alles doppelt und dreifach an. Der Computer reagiert nicht, nur das Rauschen wird lauter.

Wäre Hendrik Speck jetzt hier, würde er wahrscheinlich von "kultureller Fremdheit" sprechen. Der Professor für digitale Medien an der Fachhochschule Kaiserslautern will damit sagen, dass Senioren nicht mit dem Internet aufgewachsen sind. Er sagt, dass sich ältere Menschen erst dann mit neuen Technologien auseinandersetzen, wenn sie einen konkreten Nutzwert sehen - etwa die Möglichkeit, Kontakte zu halten oder Menschen kennenzulernen. Darum entdecken die Senioren zurzeit auch soziale Netzwerke wie Facebook für sich. In den USA ist schon jedes zehnte Facebook-Mitglied Silver Surfer.

Sabine Müllers Rechner hat das Rauschen unterdessen eingestellt und die Nachricht von Fernando wieder freigegeben. Der Mann schreibt über seine Heimat Bolivien. Und davon, dass er Angst hatte, als er vor über 40 Jahren zum Studieren nach München kam. Da war für ihn alles neu. Fernando sieht auf dem Foto nicht aus wie ein Mann, der sich vor etwas fürchten müsste. Dunkelbraune Haare umschließen ein raues Gesicht. Den Rest kann man nur erahnen, man sieht viel Zigarrenrauch. Sabine Müller mag diese Art Männlichkeit. Sie will keinen Langweiler. Außerdem gibt es bei Fernando eine Rechtfertigung für seine Rechtschreibfehler. Deutsch ist schließlich nicht seine Muttersprache.

Solche Männer wollen keine Frauen in ihrem Alter

Viel schlimmer als die Rechtschreibschwäche vieler Männer ist, wenn sie gar nicht schreiben. Sabine Müller bekommt nicht viel elektronische Post. Manchmal sitzt sie da und überlegt, was an ihrem Profil bei Parship falsch sein könnte. Bei der Frage, worauf sie nie verzichten könnte, steht auf ihrer Seite: "Auf meinen roten Lippenstift." Sie grübelt, ob die Männer vielleicht nicht verstehen, dass sie das nicht ernst meint, und ihr deswegen nicht schreiben. Bei Parship gibt es eigens vier Berater für solche Fragen. Der Anruf kostet 1,99 Euro in der Minute.

Das Geld will Sabine Müller sich sparen. Sie fürchtet, dass es hier gar nicht um Lippenstifte geht. Es geht um ihr Alter. So wie Sabine Müller geht es auch Hannelore Schmidt (59) aus Stuttgart und Simone Heiger (60) aus Karlsruhe. Sie sehen sich in einem Dilemma. Sie haben einen guten Beruf gelernt, sind attraktiv und brauchen keinen, der sie ernährt. Sie sind geschieden und wollen einen Mann, der ihnen intellektuell nicht unterlegen ist. "Er soll in seinem Leben etwas erreicht haben", sagt Hannelore Schmidt. Aber: Solche Männer wollen keine Frauen in ihrem Alter.

Laut Statistischem Bundesamt sind knapp 36 Prozent der über 55-jährigen Frauen alleinstehend. Das sind doppelt so viel wie bei den gleichaltrigen Männern (17 Prozent). Bei den 5,6 Millionen Single-Seniorinnen in Deutschland herrscht Männermangel. Zum einen sterben Männer im Schnitt etwa fünf Jahre früher als Frauen. Zum anderen, schreibt die Schriftstellerin Susan Sontag, habe die "Doppelmoral des Alterns" daran Schuld. Glaubt man der amerikanischen Kulturkritikerin, dann ist es für die alleinstehenden Seniorinnen schwer, einen Mann zu finden. Denn während vom Mann zwei Schönheitsideale existieren - das des Knaben oder jungen Mannes und das des Herrn mit den grauen Schläfen -, gibt es laut Sontag bei der Frau nur eines: das des Mädchens.

Der Geschäftsmann Patrick Prior bestätigt das. Das muss er auch: Zusammen mit Fabian Rossa ist er Inhaber des Internetportals Reif-trifft-jung. "Männer mögen junge Frauen - das ist nun mal so. Es gibt keinen Trend zum jungen Liebhaber", sagt er. Darum können sich in seiner Partnerbörse nur Frauen bis 30 anmelden - kostenlos. Männer müssten zahlen.

Holger Staiger aus Stuttgart ist seit drei Wochen dabei. Er ist 59 Jahre alt. Das maximale Alter einer Frau, die für den Unternehmer infrage käme, wäre Mitte, höchstens Ende 40. Wichtig ist: Es darf keine Fünf davor stehen. Zu jung wiederum sollte die Dame auch nicht sein. "Bei allem, was unter 22 ist, passt es vom Kopf her nicht so gut", findet er.

Dass er sich bei Reif-trifft-jung angemeldet hat, möchte er nicht falsch verstanden wissen. Da geht es um ein Spiel. Er will ein so junges Mädchen nicht als Ehefrau. "Ich hätte zwar nichts dagegen, eine Barbie bei mir zu Hause zu haben", sagt er. Aber nicht für immer. Bestenfalls drei, vier Wochen lang. Er hat sogar schon eine Frau gefunden, die ihm gefallen hätte, sagt er. Und erzählt von "den Kurven" einer 22-Jährigen. Auf dem Foto habe ihre Figur sehr schön ausgesehen sagt er, "ausladend".

Warum antwortet er nicht?

In der Realität aber war alles ganz anders. Es war ein kalter Winterabend, als sie sich am Bahnhof von Bad Cannstatt trafen. Holger Staiger hat schon von weitem gesehen, dass ihm die Frau nicht gefällt. "Das war eine richtig dicke Mami", sagt er. Holger Staiger hält sich für taktvoll. Darum ist er auch nicht einfach weggelaufen. "Das wäre nicht mein Stil", sagt er. Er ist hingegangen, um mit der Frau zu sprechen. Er hat ihr gesagt, dass er gleich einen Termin habe und darum schnell gehen müsse. Auf die Single-Börse hat er keine Lust mehr.

Es kommt ihm so vor, als gäbe es dort nur gefälschte Profile mit Bildern von Models, die gar keinen Partner suchen. Wie sonst ist es zu erklären, dass die Frauen nie antworten, wenn er ihnen schreibt? Manchmal fühlt sich Holger Staiger einsam, wie Sabine Müller.

Sabine Müller sagt aber, dass sie auch ohne Mann klarkommt. Sie hat ein Mantra. Das sagt sie sich jeden Morgen vor, wenn sie zur U-Bahn läuft. Es geht so: "Die göttliche Liebe ist die großartigste Liebe. Ich danke dafür, dass sie mir jetzt zur Verfügung steht."Diesen Monat läuft Sabine Müllers Vertrag bei Parship aus. 240 Euro hat sie dafür bezahlt. Sie wird ihn nicht verlängern. Zwar hat sie diese schöne Nachricht bekommen - von Fernando -, aber das ist drei Monate her. Sie kann seinen Text noch so oft lesen, es wird sich nichts ändern. Da stehen immer nur diese Sachen über Bolivien und über die Angst. Sie kann es sich nicht erklären, warum er ihr nicht mehr antwortet.

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Professor Hendrik Speck. 2007.

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