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Brückner, Florian. Noten im Netz. Deutschland stimmt ab. Frankfurter Rundschau. March 13, 2008.

Noten im Netz. Deutschland stimmt ab.

Jeder bewertet jeden und alles. Computer, Bücher, Autos, Hotels, Handwerker. Das Internet macht's möglich. Ob Produkt oder Dienstleistung: Fast alles und jeder wird im Netz bewertet. Auf Internetseiten wie der des Onlinehändlers Amazon lässt sich kaum noch ein Artikel ohne Kommentar, ohne Sternchenwertung finden. Fünf sind toll, eins ist miserabel.
Doch es gibt auch Widerstand. Allerdings nicht immer erfolgreich. So droht schon der zweiten Pädagogin mit ihrer Klage gegen die Betreiber der Spickmich-Website zur Benotung von Lehrern eine Niederlage. Der Vorsitzende Richter Michael Foos am Duisburger Landgericht signalisierte am Mittwoch, dass die Klage der Realschullehrerin aus Nordrhein-Westfalen wohl abgewiesen werde.

So weit sind Doktoren noch nicht. Seit gut einem halben Jahr müssen sich Allgemeinmediziner und Fachärzte dem Urteil von Internetnutzern stellen, etwa auf der Webseite von docinsider.de. "Nach mehr als knapp drei Monaten haben wir 370 000 Einträge von Ärzten und 7500 Bewertungen", sagt Firmengründer Ingo Horak. Die fallen nicht nur positiv aus. Ein Beispiel: Über einen Zahnarzt aus Frankfurt, der mit Namen und Adresse genannt wird, schreibt ein Nutzer: "Schmerzen, völlig veraltete Techniken, nach wenigen Jahren alles rausgeflogen, Zähne abgestorben, keep away!" Ergo: nur eines von fünf Bewertungssternchen.

Bei solchen Urteilen können ärztliche Fachverbände wie der Marbuger Bund nur die Nase rümpfen. Weil "die Bewertungen subjektiv sind und Patienten mangels Fachwissen die Leistung von Ärzten nicht wirklich abschätzen können", wie Referentin Alexandra Schilling sagt. Ganz abgesehen davon, dass man nie wisse, wer hinter Negativkritiken stecke. "Weil diese Portale manipulierbar sind, sollten Patienten vom Gros der auf dem Markt befindlichen Anbieter besser die Finger lassen. Sie sorgen mehr für Verwirrung als für Information", sagt Professor Günter Ollenschläger, Leiter des Ärztlichen Zentrums für Qualität in der Medizin.

Das sieht Firmenchef Horak von docinsider.de naturgemäß anders. Er verweist auf technische Filter, mit denen Schmähkritiken erkannt und verhindert würden, und setzt auf die Mitarbeit der Nutzer, die etwa PR-Bewertungen melden würden. Außerdem habe jeder beurteilte Arzt die Möglichkeit, zu seiner Bewertung Stellung zu nehmen. "Wobei sich Missbrauch natürlich nicht grundsätzlich ausschließen lässt."

Dass es Seiten wie docinsider.de überhaupt gebe, liege an der fehlenden Transparenz des Gesundheitssystems, sagt deren Chef. Um einen guten Arzt zu finden, bleibe vielen Patienten nichts anderes übrig, als sich bei Bekannten zu erkundigen. Horak räumt ein, dass medizinische Bewertungsportale wie Topmedic oder Arztspiegel "zarte Pflänzchen, die sich noch entwickeln müssen".

Die Tourismusbranche ist da weiter. Der 1999 gegründete Branchenprimus Holidaycheck.de kommt, so Sprecher Axel Jockwer, auf gut 650 000 Bewertungen für etwa 50 000 Hotels. "Manche Häuser haben bis zu 400 Bewertungen." Bei solchen Zahlen hätten Manipulationsversuche so gut wie keine Chance mehr.

"Die Bewertungsportale sind zu einem festen Bestandteil des Marktes geworden", sagt Markus Luthe, Hauptgeschäftsführer des Hotelverbandes Deutschland (IHA). Kein Wunder: Nach einer Untersuchung des Internetportals Web.de informieren sich 73 Prozent aller Umfrageteilnehmer vor jeder Reise auf Hotelbewertungsportalen - und eine Umfrage von TrendResearch und Holidaycheck.de hat ergeben, dass 90 Prozent der Befragten Hotelbewertungen als sichere Informationsquelle schätzen. Folge: Die Marktmacht der Portale und ihr Einfluss nehmen zu, stellen Professor Andreas Sandermann mit Jutta Kiesl-Klingbeil von der FH Niederrhein fest.
Die Verbraucherzentrale Bundesverband (VZBV) steht den Portalen im Prinzip positiv gegenüber, trotz all ihrer Mängel: "Sie können zur Orientierung beitragen. Und es ist gut, dass Produktinformationen nicht mehr nur den Anbietern überlassen werden", sagt Sprecher Christian Fronczak. Auch Fachleute wie Christoph Neuberger, Professor für Kommunikationswissenschaft an der Universität Münster, sehen in den neuen Portalen eine Stärkung der Verbraucher gegen Unternehmen. Das Gefälle zwischen Leistungserbringern und Leistungsempfängern schwinde.

Wichtig sei nur, so der VZBV, dass Verbraucher den Bewertungsportalen nicht blindlings vertrauen würden. Und zur Kenntnis sollten sie genommen werden als neue Massenmedien mit teils erheblichem Einfluss, wie Hendrik Speck sagt, Professor für digitale Medien an der Universität Kaiserslautern. Schließlich könnten ein paar schlechte Bewertungen etwa bei einem Rechtsanwalt schon dazu führen, dass diesem Klienten verlorengingen. Und dadurch, dass Betroffene wie Produkte bewertet würden, "werden sie zu Objekten degradiert". Mehr noch: Der Trend, alles und jeden zu bewerten, werde letztlich dazu führen, dass immer mehr Menschen ein "aktives Management der eigenen Wahrnehmung in der Öffentlichkeit betreiben müssen", um Schaden abzuwenden, sagt Professor Speck.

Dass der Trend der Bewertungsportale abflauen wird, ist nicht zu erwarten. Dafür ist der Online-Werbemarkt zu attraktiv. Und genau dort verdienen Bewertungsportale ihr Geld - und es geht um viel Geld. Allein im vergangenen Jahr, so der Online-Vermarkterkreis (OVK) des Bundesverbands Digitale Wirtschaft, wurden 2,9 Milliarden Euro in Online-Werbung investiert. Tendenz steigend. Für 2008 liegt die Prognose des OVK bei 3,7 Milliarden Euro. Und von diesem Kuchen wollen noch viele Portale wie docinsider.de ein Stück abhaben.

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Professor Hendrik Speck. 2007.

Prof. Hendrik Speck
University of Applied Sciences Kaiserslautern
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