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Radler, Christian. Microsoft-Einstieg bei Facebook. Das hat nichts mit einer Web-2.0-Blase zu tun. Tagesschau. October 25, 2007.

Microsoft-Einstieg bei Facebook. Das hat nichts mit einer Web-2.0-Blase zu tun.

Die Internet-Plattform Facebook hat 1,6 Prozent an Microsoft verkauft. Mit der Beteiligung kauft der Konzern aus Redmond ein Stück Zukunft, sagt der Informatik-Professor der FH Kaiserslautern Hendrik Speck im Interview mit tagesschau.de. Denn Facebook - obwohl momentan kleiner als Platzhirsch Myspace - hat in mehreren wichtigen Bereichen die Nase vorn. Mit einer neuen Internet-Blase habe der Deal mit Facebook aber nichts zu tun, sagt Speck.

tagesschau.de: Herr Speck, warum kauft sich ein Konzern wie Microsoft bei Facebook ein?

Hendrik Speck
[Bildunterschrift: Professor Hendrik Speck lehrt an der FH Kaiserlautern Informatik. Er berät die Bundesregierung unter anderem zur Einrichtung der deutschen Suchmaschine Theseus.]

Hendrik Speck: Microsoft schwimmen momentan in allen möglichen Bereichen die Felle davon: Bei der Suchmaschine live.com laufen die Geschäfte mies, im Spielkonsolenmarkt wird die Xbox von Nintendos Wii abgehängt, der als iPod-Killer gestartete Zune-Player ist ein Flop, bei den Betriebssystemen ist Linux auf dem Vormarsch, im Browsermarkt verliert der Internet Explorer laufend Anteile an Firefox und auch die Office-Pakete verkaufen sich nicht mehr so gut wie früher.

tagesschau.de: Und welche Felle hält Microsoft bei Facebook fest?

Speck: Hier geht es um das Agieren Microsofts als Medienkonzern und Werbevermarkter. Viele junge Mediennutzer sind nicht mehr auf dem klassischen Weg zu erreichen. Sie gehen zunehmend ins Web. Mit jedem neuen Jahrgang wird sich das verstärken. Microsoft hat sich mit Facebook einfach die Plattform herausgesucht, die momentan am stärksten wächst, also perspektivisch die meisten Menschen erreichen wird.

tagesschau.de:Aktuell hat Facebook etwa 50 Millionen User. Kommt es bei dem Deal nur auf die Masse dieser User an?

Speck: Zum einen sind die Facebook-Nutzer höher gebildet als beispielsweise die Nutzer von Myspace. Aber Facebook hat noch einen anderen Vorteil gegenüber der Konkurrenz: Es hat sich Entwicklern frühzeitig und konsequent geöffnet ...

tagesschau.de: ... die meisten Anwendungen bei Facebook werden von Usern geschrieben, nicht vom Betreiber der Plattform ...

Facebook-Seite von Facebook-Gründer Zuckerberg (Foto: AFP)
[Bildunterschrift: Facebook-Seite von Facebook-Gründer Zuckerberg]

Speck: ... und das schafft enorme Werte bei Facebook. Es gibt inzwischen hunderte Anwendungen, die die User auf einfache Weise in ihre Facebook-Seite integrieren können. Und es werden immer mehr. Jeder Nutzer kann damit seine individuelle Website schaffen, die er immer wieder seinen aktuellen Bedürfnissen anpasst. Das ist sehr massenattraktiv. Übrigens wäre jeder große Spieler im Web in der Lage, das Prinzip Facebook zu kopieren. Aber all diese Projekte haben nie die kritische User-Masse erreicht.

tagesschau.de: Microsoft hat von dem Deal den Vorteil einer großen Reichweite. Und Facebook?

Speck: Freiheit.

tagesschau.de: Wie bitte?

Speck: Freiheit. 1,6 Prozent heißen ja nicht, dass Microsoft jetzt bestimmt, was Facebook als nächstes tut. Darauf wäre eine Übernahme des Unternehmens hinausgelaufen, wie sie beispielsweise Yahoo vergeblich versucht hatte.

tagesschau.de: Wer mehr wollte als den Fuß in der Tür, müsste sich eine Mehrheit kaufen. 15 Milliarden Dollar ist Facebook wert, wenn man ansieht, wieviel Microsoft für den Anteil gezahlt hat. Das klingt ein wenig nach Web-2.0-Blase ...

Screenshot der "MySpace"-Homepage
[Bildunterschrift: Myspace war lange das Wunderkind unter den sozialen Netzwerken im Web.

Speck: Das hat meiner Ansicht nach nichts mit einer Web-2.0-Blase zu tun. Denn schließlich hat sich Microsoft nur mit 240 Millionen Dollar engagiert. Pro Nutzer, den Microsoft jetzt exklusiv mit Bannerwerbung beschicken kann, sind das weniger als fünf Dollar. Das ist doch erheblich weniger, als Google etwa für Youtube zahlte oder Rupert Murdoch für Myspace. Und der Holtzbrinck-Verlag ließ sich den Einstieg bei Studi-VZ 110 Dollar pro User kosten.

tagesschau.de: Also wurde teilweise zuviel bezahlt für Web-2.0-Anbieter?

Speck: In vielen Fällen, aber nicht bei dem, über den wir heute sprechen.

tagesschau.de: Spielort des Deals Microsoft-Facebook sind einmal mehr die USA. Können die Deutschen eigentlich etwas aus dem Modell der offenen Programmentwicklung lernen?

Speck: Sie tun es bereits, auch wenn man fairerweise sagen muss, dass nicht Facebook sondern Google hierbei Pate stand: Bei den Entwicklungsarbeiten für die deutsche Suchmaschine Theseus startet am 1. November ein Wettbewerb. Ziel sind Anwendungen, die bei Theseus angedockt werden können. Auf diese Art wurden bei Google viele neue Anwendungen geschaffen, die zum dauerhaften Erfolg maßgeblich beigetragen haben.

Die Fragen stellte Christian Radler, tagesschau.de

So viel kosteten Portale ihre Käufer pro User
Kosten pro User in $TransaktionKaufpreis in $Zeitpunkt
136Börsengang OpenBC205 Mio.2006
110Holtzbrinck kauft StudiVZ110 Mio.2007
97eBay kauft PayPal1,5 Mrd.2002
48eBay kauft Skype2,6 Mrd.2005
44Microsoft kauft Hotmail400 Mio.1997
22Google kauft YouTube1,65 Mrd.2006
22News Corp kauft Myspace580 Mio.2006
16CBS kauft last.fm320 Mio.2007

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Professor Hendrik Speck. 2007.

Prof. Hendrik Speck
University of Applied Sciences Kaiserslautern
Department of Computer Sciences
Amerikastrasse 1
66482 Zweibrücken
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