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Croino, Gabriel Gil. Medienkompetenz. Wir müssen selbstkritischer werden. Südwestrundfunk. June 14, 2010.

Medienkompetenz. Wir müssen selbstkritischer werden

Das Internet ist als Kommunikationsmedium aus unserem Alltag nicht mehr wegzudenken. Aber wie wir als Nutzer mit der Informationsflut, unseren Daten in sozialen Netzwerken oder den neuen Entwicklungen des Mediums umgehen, ist noch nicht so alltäglich. Es fehlen klare juristische Regelungen und eine verbesserte Medienkompetenz, meint Hendrik Speck, Professor für digitale Medien in Kaiserslautern im SWR.de-Interview. Doch was heißt das genau?

SWR.de: Wie steht es um den Schutz unsere Daten im Internet?

Hendrik Speck: Unsere berufliche und private Lebenswelt innerhalb des Unterhaltungs-, Informations- und Kommunikationsbereiches verschiebt sich immer weiter in die computergestützte Kommunikation. Wie wir mit den Spuren, die wir hinterlassen, umgehen, wissen wir noch nicht: Wir haben weder gesellschaftliche Maßstäbe, noch juristische Regelungen.

Wenn wir uns anschauen auf welcher Basis unser jetziges juristisches und politisches Handeln steht, also dem Bundesdatenschutzgesetz, dann stellen wir fest, dass es vor 20 oder 30 Jahren angelegt wurde. Damals gab es weder das Internet, noch soziale Netzwerke, soziale Medien oder andere Plattformen zum Fremdschämen.

Bei Problemen in den Bereich ist es so als ob Sie Fragen von morgen mit den Antworten von vorvorgestern beantworten und das geht schief. Daher macht es wenig Sinn auf die vorhandene Instanz zu verweisen, die zum Beispiel auf einer politischen Ebene oder aus einem juristischen Regelwerk kommt, weil dort überhaupt keine Kompetenz vorhanden sein kann.

Medienkompetenz bezeichnet die Fähigkeit Medien kritisch auszuwählen und zu bewerten sowie die Fähigkeit Medien zu nutzen, zu gestalten und zu bedienen.

Teilweise scheitert eine Regelung aber zum Beispiel auf der politisch-juristischen Ebene auch daran, dass da Leute sitzen, die im Durchschnitt so um die 60 Jahre alt sind. Das ist zunächst nichts schlechtes, aber sie sind einfach nicht diejenigen, die sich in diesem Medium tummeln, noch es aktiv gestalten. Daher ist eine starke Medienkompetenz des Einzelnen als innere Instanz notwendig und wichtig, um mit den Problemen umzugehen.

SWR.de: Es ist auch die Sprache von einem mediendemografischen Wandel, also das gerade die jüngere Generation ihr Medienverhalten grundlegend ändert. Welche Konsequenzen wird die jetzige Mediennutzung für die Gruppe haben?

Kinder und Jugendliche gehen mit diesen Medien auf eine Weise um, die als erfrischend naiv und technikbegeistert bezeichnet werden könnte. Das kann aber durchaus Konsequenzen für diese Altersgruppen haben, weil wir zurzeit nicht wissen, was mit deren Daten in Netz passieren wird. Wie gehen wir gesellschaftlich mit bestimmten Formen der Darstellung, Selbstdarstellung oder Entblößung langfristig um?

Auf der anderen Seite haben wir für diese Altersgruppe bewusst definierte Schutzräume eingerichtet, zum Beispiel durch das Kinder- und Jugenschutzgesetz. Wo man sich aber fragen muss: Wie gewährleisten wir diesen Schutzraum auch im digitalen, im virtuellen oder im Online-Bereich.

Medienkompetenz. Sinnvoll wäre ein Computerführerschein

Die heutige Informationsgesellschaft hat noch keine richtigen Spielregeln. Hendrik Speck schlägt daher vor, dass Menschen, die mit personenbezogenen Daten von Kunden, Patienten oder Schülern arbeiten, so etwas wie einen Computerführerschein machen sollten.

SWR.de: Was steckt hinter der Idee des Computerführerscheins?

Hendrik Speck: Das Hauptproblem ist tatsächlich der Mangel dieser so genannten Medienkompetenz und das Noch-Nicht-Wissen, wie wir mit diesen Sachen umgehen. Was durchaus desaströsen Konsequenzen haben kann.

Ein Beispiel: Vor 100 Jahren war die Einführung des Autos. Damals musste sich dieses neues System den Raum oder auch die Straßen mit existierenden Verkehrsteilnehmer, also Fußgänger und Pferden teilen. Das führte dazu, dass es haufenweise zu Verkehrsunfällen kam, weil niemand so richtig wusste, wie er damit umgehen sollte. Keiner rechnete mit einem fahrendem 500-Kilo-Metallkoloss und Pferde drehten ständig durch.

Durch die viele Unfälle stieg die entsprechende Berichterstattung, die Aufmerksamkeit in der Bevölkerung und die Forderung eine Lösung zu finden. Die Folge war die Entwicklung der Straßenverkehrsordnung. Damit wurden bestimmte Regeln und Sicherheitsstandards eingeführt. Zum Beispiel: Autos dürfen nicht auf dem Bürgersteig fahren oder nachts nicht ohne Licht. Wir lachen da heute drüber, aber damals waren das wichtige Themen.

Hinzu kamen technische Mindestvorgaben für die Fahrzeuge und Linzensierungsmaßnahmen, die wir heute als TÜV und Führerschein kennen. Aber auch Überwachungsmaßnahmen wurden eingeführt, so dass die Folge von allen diesen Regulierungen ist, dass wir bis heute eine jährlich sinkende Zahl von Verkehrsopfern haben.

Beim Umgang mit einer anderen neuen Technologie, wie dem Internet, müssen wir genauso abschätzen was diese Neuerung bedeutet. Welche Konsequenzen könnte sie haben und wie gehen wir damit um?

Das eigentlich Ziel ist dabei aber nicht die Normierung, sondern die gesellschaftliche Befähigung mit diesem neuen Medium kompetent interagieren zu können. Und zwar ohne dabei irgendwelche Schäden zu verursachen beziehungsweise zu erfahren.

Medienkompetenz. Wir müssen unser Medienverhalten ändern

Unser Medienkonsum hat sich mit der Verbreitung des Internets grundlegend verändert. Das stellt viele Anforderungen an uns als Gesellschaft.

SWR.de: Müssen wir unsere Medienkompetenzkultur, also wie wir Medien konsumieren und produzieren, überdenken?

Hendrik Speck: Natürlich. Der grundsätzliche Charakter der neuen Medien unterscheidet sich dramatisch von dem, was wir bisher kennen. Zum einen haben wir eine völlig andere Teilnahmekultur. Vorher hatten wir klassische Massenmedien, wie Zeitungen oder Rundfunk, die wir nur konsumierten haben. Damit wurden uns auch bestimmte Fragen der Verantwortung abgenommen. Das heißt: Ich muss mir selbst keine Sorgen machen, was ich konsumiere und welche Konsequenzen das für mein weiteres Leben hat.

In den letzten Jahren sind wir von dieser rein passiven Konsumentenrolle zum Produzenten erhoben worden. Begleitet mit einer dramatisch gesunkenen Einstiegschwelle: Versuchen Sie einmal eine Zeitung selbst zu drucken, dann werden Sie feststellen, dass Sie nicht weit kommen werden. Hingegen packen Sie ein paar richtig tolle neckische YouTube-Videos zusammen und stellen diese auf ihre Webseite. Da können Sie potentiell die selben Reichweiten - wenn nicht sogar mehr - erreichen, wie eine Zeitung.

Außerdem verändern sich ein paar wesentliche gesellschaftliche Eigenschaften, wie wir miteinander interagieren. Zum Beispiel gibt es den Fall von zwei Schülerinnen, die sich in einem sozialen Netzwerk über ihre Lehrerin ausgelassen haben. Und machen wir uns nichts vor: Wir haben das früher auch gemacht, aber auf dem Schulhof. Das haben dann nur die Klassenkameraden mitbekommen, die es direkt hörten. Es wurde nicht abgespeichert, es geriet irgendwann in Vergessenheit und es wurde nicht global verbreitet.

Die beiden Mädchen haben genau dasselbe gemacht, nur mit einem total veränderten Verständnis von Privatsphäre und Öffentlichkeit, weil sie zwischen realem und virtuellen Schulhof nicht unterschieden haben. Auf SchülerVZ, wo sie es gepostet haben, konnte jeder reinschauen und das führte dazu, dass die Lehrerin und die Öffentlichkeit das lesen konnten. Die Mädchen wurden in Folge entsprechend bestraft.

Ein weiterer Unterschied, der in diesem Beispiel eine Rolle spielt, ist, dass digitale Medien nicht vergessen können. Es ist nämlich einfacher und billiger mehr Speicherplatz dazu zu kaufen, als einen Algorithmus zu entwickeln, der vergessen kann.

SWR.de: Sollten wir selbstkritischer im Umgang mit den neuen Medien werden?

Ein ganz klares Ja. Wir müssen in Zukunft damit leben, dass Medien uns praktisch omnipräsent begleiten werden. Was auch dazu führt, dass mehr und mehr Elemente, die wir als privat bezeichnen, digital abgespeichert und in einer digitalen Öffentlichkeit für immer oder sehr lange verfügbar sind.

Wir müssen uns noch mehr überlegen, was wir sagen und uns gesellschaftlich überlegen, wie wir mit diesem Wissen umgehen, dass mehr und mehr aus dem Privaten in der Öffentlichkeit liegen wird.

Jeder wird für sich entscheiden müssen: Nehme ich daran überhaupt teil? Wie nehme ich teil? Wie stelle ich mich dar? Wie viele Informationen über mich selbst und über andere stelle ich rein? Welche Verbindungen baue ich im Internet auf? Das bezieht sich nicht nur auf eine Person oder Freundschaftsebene, sondern auch auf Assoziationen, die ich zu Inhalten haben, auf Plattformen und auf die Beziehungen, die ich damit herstelle. Da müssen wir durchaus darüber nachdenken, ob wir unsere Bewertungsmaßstäbe anpassen und ob wir auch toleranter werden sollten.

Contact

Professor Hendrik Speck. 2007.

Prof. Hendrik Speck
University of Applied Sciences Kaiserslautern
Department of Computer Sciences
Amerikastrasse 1
66482 Zweibrücken
Germany

Office: Building O, Room O 017

E-Mail: Hendrik.Speck  (at) hs-kl (dot) de
Phone: +49 631 3724 5360

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