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Inforadio. Ich bin dann mal web (2.0). Print versus Online: Web 2.0 - Print - Print vs Online - BLOG. Rundfunk Berlin-Brandenburg. Inforadio. Druck & Blog. November 10, 2007.

Ich bin dann mal web (2.0). Print versus Online: Web 2.0 - Print - Print vs Online - BLOG

Print versus Online: Web 2.0 - Print - Print vs Online - BLOG

Web 2.0

In dieser Woche pilgerten die Jünger des Web 2.0 nach Berlin– der Internet-Guru Tim O´Reilly veranstaltete in den Messehallen seine „Web 2.0 Expo“. Wieder ging es um neue Nutzanwendungen des weltumspannenden Internet, das sich zur globalen Konsum- und Kommunikationsgemeinschaft gewandelt hat, in der Produzenten und Konsumenten von Information kaum mehr unterscheidbar sind. Das Netz ist zur Mega-Plattform geworden, die traditionellen Medien bangen um ihre Zukunft – das bestätigte der Informatiker und Sozialwissenschaftler Hendrik Speck aus Kaiserslautern hier im Inforadio:

"Was ganz klar ist, ist natürlich, dass die klassischen Medien in ihren Nutzerzahlen zusammenbrechen, das ist bereits jetzt zu verzeichnen. Wir haben etwa bei den amerikanischen Printmedien zum Teil Verlustraten von zwei-stelligen Prozentzahlen pro Jahr, das heißt es gibt diesen Wechsel auf netzbasierte Medien, das bedeutet natürlich auch, Kapitalflüsse landen am Schluss dort."

Die Printmedien in der Defensive – darum ging es auch in der Dankesrede, die der Mitherausgeber der "Frankfurter Allgemeinen Zeitung", Frank Schirrmacher, vor zwei Wochen in Kassel gehalten hat, als er den Jacob-Grimm-Preis Deutsche Sprache 2007 entgegennahm. Die Rede Schirrmachers wurde in Auszügen auf den Webseiten der „Süddeutschen Zeitung“ und der "FAZ" publiziert und hat eine kleine Debatte provoziert – um die geht es heute.

Print

Schirrmacher sorgt sich in seiner Rede um die Schreib- und Lesekultur – sie werde durch die technologische Revolution des Netzes verändert. Das Netz, so schreibt der FAZ-Herausgeber, ermögliche in steigendem Maße Nicht- oder Fastnichtmehrlesen, eine extreme Bildbetontheit greife Platz, deshalb würden Zeitungen – Qualitätszeitungen – als Korrektiv gebraucht:

"Die Zeitung liefert eine Haltbarkeit von mindestens 24 Stunden, und in ihren Kommentaren, Rezensionen und Kritiken will sie sogar vor der Nachwelt bestehen. Im Vergleich zum Internet ist sie das verzögernde Moment in der gesellschaftlichen Kommunikation."

Zwar will Schirrmacher nicht als Kulturpessimist verstanden werden, aber sein Plädoyer für das Innehalten, die Besinnung und Reflexion hat etwas vom Bemühen um Rettung einer bedrohten Art. Dieses Rettungsbemühen verführt ihn manchmal zu Übertreibungen – etwa wenn er schreibt, fast alles, was im Netz auf Dauer ernst genommen wird, habe seine Urquelle in den Zeitungen –, im großen und ganzen aber übt er weniger Kritik am Online-Medium als dass er das hohe Lied des Qualitätsjournalismus singt: eines "Journalismus der großen Zeitungen, der nicht nur auf Verlässlichkeit setzt, sondern auch einer redaktionellen Ausstattung bedarf, die diese Verlässlichkeit sichert." Dieser Journalismus der Verlässlichkeit scheint ihm in der Tat bedroht:

"Die Umlaufgeschwindigkeit von echten und halbseidenen Nachrichten im Internet ist enorm. Auf den ersten Blick kann man sie nicht voneinander unterscheiden, sie tauchen auf und sind wieder verschwunden."

Schirrmachers Rede – bzw. die veröffentlichten Auszüge – haben eine Replik von Christian Stöcker provoziert, der bei SPIEGEL ONLINE das Ressort Netzwelt betreut. Titel: "Das Internet ist an allem schuld.“ Stöcker zitiert und paraphrasiert Schirrmacher manchmal ironisch, manchmal ernst, manchmal auch sarkastisch, und er hält die Fahne des Online-Journalismus hoch: Der könne natürlich ungleich schneller auf aktuelle Ereignisse reagieren als die langsame Presse mit ihrem "strukturell bedingten Zu-spät-Kommen." Außerdem schreibe die Internet-Generation mehr als die vorangegangene. Und Nähe zum Nutzer sei ein Gebot für alle, kein Grund, die Online-Journalisten abzukanzeln: "Die Vorstellung, dass Online-Journalisten zwangsläufig schlechter arbeiten, nur weil sie sehen können, was den Leser interessiert und was weniger, ist absurd."

Diese Replik hat wiederum Frank Schirrmacher zu einer Entgegnung getrieben. Aus einer Rede, die für Koexistenz von Tageszeitung und Internet plädiert, werde eine Kriegserklärung gemacht, schreibt Schirrmacher zwei Tage später in SPIEGEL ONLINE, und er beklagt die Eskalation in den Leser-Antworten auf Stöckers Replik - in denen wird dem FAZ-Mann u.a. „Gejammer“ vorgeworfen, einen anderen packt  „kaltes Grausen“, wieder ein anderer nennt ihn „gefährlich“. Daraus zieht Schirrmacher den Schluss:

"Die Thesen dieser Rede über das Internet werden durch seine Rezeption in einer selbst für mich überraschenden Weise bestätigt. Das Netz veröffentlicht Worte, die keiner, die oft nicht einmal der Autor selber gelesen hat, als er sie schrieb."

Und so stellt der Autor noch einmal klar, wo er die Gefahren für den Qualitätsjournalismus sieht: In den Veränderungen der Anzeigenmärkte, im Rendite-Denken. An keiner Stelle habe er gesagt, dass das Internet den Qualitätsjournalismus bedroht.

Print vs Online

Wie steht es nun um das Verhältnis Print vs Online? Bedroht der Online-Journalismus die Qualitätspresse? Darüber hat Oliver Rehlinger mit dem Berliner Medienwissenschaftler Robin Meyer-Lucht gesprochen.

Das Gespräch im Wortlaut:

Meyer-Lucht: Die Befürchtung ist sehr richtig - aus zweierlei Gründen: erstmal ist es so, dass der Print-Journalismus, das politische Feuilleton, für das Herr Schirrmacher steht, bisher eine herausragende Rolle hatte im Medienumfeld, die hat es weiterhin. Aber es ist jetzt eingerahmt, wenn man so will, von einer Vielzahl von Medien, die auch online stattfinden und seine Rolle wird dadurch schon relativiert - das ist das Eine. Und die andere Seite ist tatsächlich so, dass man davon ausgehen muss, dass das Zeitungsgeschäft innerhalb der nächsten 25 Jahre massiv zurückgehen wird auf ein Niveau, was wir uns heute wahrscheinlich noch gar nicht vorstellen können.

Rehlinger: Nun spricht Schirrmacher von ikonographischem Extremismus, von extremer Verbildlichung, von Bilderflut. Das legt dann die Frage nahe: Hat sprachlicher Diskurs im Internet wirklich eine untergeordnete Funktion - oder täuscht man sich, wenn man das so sieht?

Meyer-Lucht: Zunächst einmal: Schirrmacher benutzt das Bild des ikonographischen Extremismus, um seine Sorge vor der Entschriftlichung des Diskurses auszudrücken. Da bin ich aber der Meinung, dass die so sehr eigentlich nicht begründet ist. Zunächst einmal ist es zur Zeit noch so, dass der Journalismus, der online stattfindet, ja zu 95% im Internet nach wie vor Print-Journalismus ist, und dass das Internet den Print-Journalismus auch unglaublich gestärkt hat, weil bisher die minutengenaue Aktualität ja eine Domäne der elektronischen, der Bild- und Audiovisuellen Medien, und jetzt hat das Internet sozusagen den Print-Journalismus in die Turbo-Aktualität geführt. Wenn es heute so ist, dass die Leute sich tagsüber schriftbasiert bei SPIEGEL Online informieren und weniger danach dann die Tagesschau als eine Art Gral der aktuellen Information sehen, dann hat das doch den schriftbasierten Journalismus zunächst einmal gestärkt.

Rehlinger: Nun scheint Herr Schirrmacher ja davon zu träumen, dass es möglich ist, das Internet für die großen Zeitungen zu erobern, und gleichzeitig gegen zu halten und - wie er sagt - Optionen anzubieten. Ist das nicht ein Widerspruch? Entweder bleibt eine Qualitätszeitung, was sie ist, oder sich macht sich netzkompatibel.

Meyer-Lucht: Ich denke, es kann für die FAZ und ähnliche Häuser nur darum gehen, beides zu machen, einerseits ihre Stärken als Print-Medium noch stärker heraus zu arbeiten, beispielsweise indem man auf der ersten Seite gar nicht mehr so viel Nachrichtliches macht - was die Leute ja schon ohnehin aus dem Netz kennen -, sondern durchaus sozusagen die starken differenzierenden Stücke auf die erste Seite mit stellt. Gleichzeitig brauchen wir doch die Tradition, für die die FAZ und die SÜDDEUTSCHE stehen, ganz stark auch im Netz und man kann sich nur wünschen - das ist ja ein Prozess, der sich jetzt ja auch zunehmend entfaltet -, dass ein Schirrmacher und andere ins Netz gehen und den Leuten auch dort zeigen, was ihre Vorstellung von Journalismus ist, und dass diese gesellschaftlich sehr wertvoll ist.

Rehlinger: Das hört sich so an, als könnte man da auf mehreren Klaviaturen spielen. Wie ist das mit dem Wort von der Konvergenz? Viele Medienwissenschaftler, wahrscheinlich die meisten, sagen ja, das bewege sich ja alles aufeinander zu: Printmedien, das Fernsehen, Hörfunk, auch die Werbung - das zieht sich alles zusammen und findet dann in einem gemeinsamen Raum statt, nämlich im Internet. Das muss doch Einfluss haben auf die Alleinstellungsmerkmale der bisher getrennten Medien?

Meyer-Lucht: Genau. Es gibt eine Nischentheorie innerhalb der Medienwissenschaft, wo man sich eigentlich alle Medien so wie Spezies vorstellen kann. Genau so wie es vielleicht einmal eine Affenart gab, die sich auf einen bestimmten Lebensraum spezialisiert hat, und dann gab es plötzlich noch eine Affenart durch genetische Veränderung, dann musste die erste Affenart irgendwie versuchen, eine bestimmte neue Nische zu finden. Und genau so funktioniert natürlich auch die Konkurrenz unter Medien. Das heißt, ein neues Medium kommt hinzu, und dann müssen sich die anderen Medien neu einnischen. Ein klassisches Beispiel ist die Zeitung - die war ja mal das aktuellste aller Medien, Zeitungen wurden auch zwei oder drei Mal am Tag gedruckt, und dann kam das Radio und den Zeitungen die Aktualität unwiederbringlich geraubt. Die Zeitungen mussten dann als Medium der zweiten Geschwindigkeit sich neu profilieren. Und im Online-Journalismus ist es so, dass eben nicht mehr wie im klassischen überregionalen Bereich vielleicht zwei oder drei Titel gab, sondern man hat jetzt hier vielleicht 20 Titel, und darüber hinaus noch so etwas wie T-Online, diese Portale, die auch noch mit im Nachrichtengeschäft sind. Sie haben unfassbar große Konkurrenz im Online-Journalismus, das kommt zu einem neuen Amalgam zwischen bestimmten Traditionen des Qualitätsjournalismus und bestimmten Traditionen des Boulevard-Journalismus.

Rehlinger: Bei all dem bleibt ja immer noch ein großes Misstrauen gegenüber Informationen - bleiben wir mal bei diesem speziellen Bereich - im Internet, Misstrauen gegenüber der Verlässlichkeit, Misstrauen gegenüber der Autorität solcher Informationen. Wie berechtigt ist dieses Misstrauen auch heute noch?


Meyer-Lucht
: Zunächst einmal stellt das Internet tatsächlich alle klassischen Medienorganisationen vor einen fundamentalen Wandlungsprozess. Es ist für alle  Medienorganisationen so, dass sie entweder auf ein Medium oder zwei Medien ausgerichtet waren und in Zukunft werden diese Medienhäuser zu Medienmarken, die in verschiedenen Medien publizieren. Das wird  noch zu einem unfassbaren Blutbad führen, weil es viel zu viele Medienunternehmen gibt, die alle auf diesen Markt wollen. Das sehen wir auch jetzt bei der zunehmend gereizten Diskussion um die Rolle der Öffentlich-Rechtlichen. Daher ist es so, dass durch das Internet auch ein ganz neuer Wettbewerb, eine ganz neue Herausforderung durch Akteure, die von anderen Industrien hineindrängen da ist und die Skepsis mehr als berechtigt ist, ob all das, was guten Journalismus bisher ausmacht, in der gleichen Form, mit der gleichen Ressourcenausstattung zukünftig im Internet noch möglich ist.

Rehlinger: Fehlt also eine Art institutionalisierte Verlässlichkeits-Garantie, oder wird auf lange Sicht die Wikipedia-Kultur siegen, wo die Internet-Community sich sozusagen inhaltlich selbst reguliert. Meyer-Lucht: : Ich glaube, dass die Internetnutzer da die verschiedenen Modi auch der Verlässlichkeit einzuschätzen wissen. Es gibt die Medienmarken wie den rbb, das Inforadio, eine sueddeutsche.de, ein faz.net, wo man weiß, dahinter sitzen Dokumentationen, die kontrollieren das. Und dann gibt es ein Wikipedia, wo man weiß, das stimmt wahrscheinlich, aber wenn ich wissen muss, ob es wirklich stimmt, dann muss ich es einfach noch einmal kontrollieren, aber dafür bekomme ich die Information in einer Tiefe - auch noch kostenlos -, die mir so keine vergleichbare Publikation gibt. Wir stehen allerdings in der Tat vor der Herausforderung, die neuen Traditionen des Journalistischen im Internet neu zu verhandeln: Was sind die Regeln dessen, was sich geziemt im Journalismus, wie muss man mit Quellen umgehen, wie geht man mit Konkurrenz um, wie weit ist es auch legitim, sich sozusagen krawall-versiert zu differenzieren, wo geht auch Online-Journalismus zu weit. Diese Fragen verhandeln wir gerade, wir verhandeln ja gerade gesellschaftlich, was bedeutet das Internet für den Journalismus. Das kann man einerseits als Verlustgeschichte schreiben und natürlich können wir das Internet auch als eine Geschichte eines ganz großen Gewinns schreiben, weil das Internet bedeutet, dass sich viel mehr Leute äußern können, was gut ist, das Internet bedeutet, dass man sich aus viel mehr verschiedenen Quellen informieren kann, was gut ist, das Internet bedeutet, dass man Quellen und journalistische Inhalte vernetzen kann, was gut ist. Was mit der Digitalisierung passiert ist, dass die Journalismusmärkte von Anbietermärkten, die kontrolliert wurden von einer um ein Oligopol organisierten Elite, jetzt zu Nachfragermärkten werden, wo im Grunde der Konsument, der souverän ist, entscheidet, was er will und was nicht. Das mögen die Neoliberalen jetzt ganz toll finden, letztlich führt es erstmal dazu, dass sich immer mehr der Journalismus durchsetzt, der nachgefragt wird - das ist nur bedingt gut, das wissen wir, sonst hätten wir die Öffentlich-Rechtlichen nicht, aber auch das muss alles neu verstanden und gesellschaftlich eingerahmt werden.

BLOG

Frank Schirrmachers Rede hat nicht nur auf den Seiten von SPIEGEL ONLINE ein engagiertes – meist ablehnendes – Echo gefunden, auch auf verschiedenen Blogseiten wird die Debatte geführt. Auf der Seite „text & blog“ schreibt Marcus:

"Tut Schirrmacher nur so dumm oder ist er tatsächlich so einfältig zu glauben, bei seinem Denkanstoß Inhalt und Medium verwechseln zu können?"

Ein anderer gibt auf derselben Seite zu bedenken:

"Ich lese in Schirrmachers Rede einiges kritisches, aber wenig Internetkritik. Kann es sein, dass seine Seitenhiebe gegen eine gewisse Art von Online-Publikationen (zu denen meiner Meinung nach auch Spiegel-Online gehört) als Internetkritik missverstanden wird?"

Auf der Seite „netzpolitik“ erinnert uns ein Leser an die Segnungen des neuen Web 2.0:

"Was Schirrmacher (…) zu erwähnen vergisst: Das Internet macht zum ersten Mal in der Geschichte aus jedem Menschen einen Autor, Komponisten oder Regisseur. Der „user-generated content“ spiegelt also nichts weiter als die Lebensrealität der Menschen wieder, ihre Ideen und Phantasien und ihre Probleme mit der deutschen Sprache."

Und ein "de-bug"-Blogger bemerkt bissig:

"Was Schirrmacher übersehen hat: Ein Gerät wie das Internet, das in einen so kleinen Kasten auf jeden Schreibtisch passt, kann doch gar nicht böse sein!"

Contact

Professor Hendrik Speck. 2007.

Prof. Hendrik Speck
University of Applied Sciences Kaiserslautern
Department of Computer Sciences
Amerikastrasse 1
66482 Zweibrücken
Germany

Office: Building O, Room O 017

E-Mail: Hendrik.Speck  (at) hs-kl (dot) de
Phone: +49 631 3724 5360

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