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Speck, Hendrik. Google kauft YouTube. Erst ´kriminell´, dann ´legitim´. Tagesschau. October 10, 2006.

Google kauft YouTube. Erst "kriminell", dann "legitim"

YouTube muss nach der Übernahme durch Google viel strenger als bisher darauf achten, dass seine Inhalte legal sind. Das sagt der Kaiserslauterner Informatik-Professor Hendrick Speck voraus. Im Gespräch mit tagesschau.de erklärt er außerdem, warum die Erfolgsgeschichte YouTube in Deutschland unmöglich gewesen wäre.

tagesschau.de: Herr Speck, was bezweckt Google mit diesem Kauf und welche Strategie steht dahinter?

Bildunterschrift: Professor Hendrik Speck lehrt an der FH Kaiserlautern Informatik. Er hat unter anderem an dem Buch "Die Google-Gesellschaft" mitgearbeitet.

Hendrik Speck: Google hat bei all seinem Erfolg mehrere Probleme: Es hat in seinem nordamerikanischen und europäischen Kerngeschäft - dem Vermakeln von Werbung - die Grenzen des Wachstums erreicht. Es braucht also neue Orte, an denen es noch mehr Werbung verkaufen kann.

tagesschau.de: Und was macht ausgerechnet YouTube so attraktiv für Google und die potenziellen Werbekunden?

Speck: Die Tatsache, dass die meisten seiner monatlich 30 bis 40 Millionen User in einem für Werber hoch interessanten Alter sind. Das bedeutet: Dort geschaltete Werbung erreicht primär Teenager und Twens, die Gruppe der Klingeltonkäufer und Musikdownloader.

tagesschau.de: Können Sie das Geschäftsmodell von YouTube erklären?

Guter Deal für YouTube. Aber auch für Google?

Speck: Bisher hat YouTube sehr viel Geld dafür ausgegeben, Abermillionen von Videos zu versenden und damit eine Marke aufzubauen. Dies technisch abzuwickeln ist ein kostspieliges Unterfangen, man kann von mehreren hundert Millionen Dollar ausgehen, die YouTube in den letzten Monaten "verbrannt" hat, ohne entsprechende Einkünfte vorzuweisen. Für die User ist YouTube dabei kostenfrei. Die stellen entweder ihre eigenen Videos ins Netz oder kopieren Clips aus Fernsehen oder Kino. Dass sie dabei oft das geltende Urheberrecht verletzen, hat YouTube in Kauf genommen.

YouTube muss sich vorsehen

tagesschau.de: Das erinnert ein bisschen an die Geschichte von Napster: Riesenpopularität und Probleme mit Urheberrechten, weil die User vor allem geschütztes Material bei Napster tauschten. Die Plattform musste am Ende zumachen, weil die Rechteinhaber vor Gericht zogen. Hat YouTube dieses Schicksal endgültig abwenden können?

Speck: YouTube war bisher so etwas wie ein kriminelles Unternehmen, das jetzt durch den Deal mit Google eine Legitimation erlangt. Google hat durch seine Marktmacht die ersten großen Rechteinhaber dazu bewegen können, nicht gegen Urheberrechtsverletzungen bei YouTube zu klagen. Durch die Verbindung mit Google wird YouTube aber auch angreifbar: Urheberrechtlich geschützte Inhalte sollten künftig nicht mehr illegal bei YouTube laufen, wenn man keine Klage riskieren will.

tagesschau.de: So ein Angebot aus ausschließlich legalen Videos gibt es doch schon bei Google: Die mäßig erfolgreiche Plattform video.google ...

Speck: Das könnte tatsächlich zum Problem für YouTube werden. Es ist dann nicht mehr so attraktiv. Die Lösung wäre, in den nächsten Wochen mit sämtlichen Rechteinhabern zu verhandeln, um das Zeigen beispielsweise von Musikvideos zu legalisieren.

Beim Filmverkauf liegen andere vorn

tagesschau.de: Und was ist mit dem Verkauf von Serien, Spielfilmen und dergleichen?

Speck: Andere Anbieter haben den großen Vorteil, schon eine komplette Lösung aus Inhalten und Abspielgeräten entwickelt zu haben. Apple etwa bietet mit iTunes und dem iPod ein geschlossenes System an, das die meisten User sofort verstehen und bedienen können. In dem Bereich sehe ich Google und YouTube also nicht auf den vorderen Plätzen. Sie werden aber versuchen, das zu ändern.

tagesschau.de: Aus einer amerikanischen Website mit teils illegalen Inhalten wird nach nur eineinhalb Jahren ein Objekt, das für 1,65 Milliarden Dollar den Besitzer wechselt. Mit gerade mal 67 Mitarbeitern. Warum gibt es solche Entwicklungen eigentlich nicht in Deutschland?

Speck: Das hat unter anderem mit unserem Urheberrecht zu tun. Viele Vertreter aus der deutschen IT-Industrie und Forschung beklagen, dass sich Justizministerin Zypries zum Helfer der Musik- und Filmindustrie hat machen lassen. Das von Zypries eingeführte Gesetz zum digitalen Urheberrecht ist im höchsten Grad innovationsfeindlich. Und ein Unternehmen wie YouTube könnte in Deutschland gar keine eineinhalb Jahre existieren.

Die Fragen stellte Christian Radler, tagesschau.de

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Professor Hendrik Speck. 2007.

Prof. Hendrik Speck
University of Applied Sciences Kaiserslautern
Department of Computer Sciences
Amerikastrasse 1
66482 Zweibrücken
Germany

Office: Building O, Room O 017

E-Mail: Hendrik.Speck  (at) hs-kl (dot) de
Phone: +49 631 3724 5360

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