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Röhlig, Marc. Gaza-Krieg in Netz-Communitys. "Nimm eine Uzi und töte". Der Spiegel. January 20, 2009.

Gaza-Krieg in Netz-Communities. "Nimm eine Uzi und töte".

Im Gaza-Streifen herrscht Waffenruhe - im Netz noch lange nicht. Auf YouTube und Facebook verlaufen harte Fronten, Nazi-Parolen und Todeswünsche wechseln sich ab. Manche Freundschaft leidet - doch die virtuelle Radikalisierung hat auch ihr Gutes.

Als Lily Veselov ihre Freunde im Westjordanland besuchte, war die Freude groß. Sie umarmten sich - "es tut so gut, dich wiederzusehen!" - bestellten Hummus und Tabouleh, luden den Tisch mit Cola und Tee voll. Nach dem Essen - "erzähl', wie waren die Kontrollen am Grenzübergang?" - orderten sie Wasserpfeifen und bliesen schweren Rauch zur Decke.

Lily, 24, ist Israeli und lebt in Jerusalem. Ihre Freunde sind Palästinenser aus Ramallah. Der Weg zwischen beiden dauert eine halbe Stunde Autofahrt, plus Warteminuten an der Grenze. Sie hatten sich vor einem halben Jahr bei einem Austauschprogramm auf Zypern kennengelernt. In ihrer beider Heimat blieb ihnen jedoch oft nur das Online-Netzwerk Facebook, um Kontakt zu halten.

Jetzt, einige Wochen und der Gaza-Krieg liegen zwischen dem Treffen, hat sich die Stimmung geändert. Lily hat eine Israel-Flagge als Profilbild eingerichtet, postet Videos der israelischen Armee und ist in der Gruppe "Support Israels Fight against Hamas – Operation Solid Lead" beigetreten. "Natürlich unterstütze ich nicht alles an dieser Operation", sagt Lily und meint mit "Operation" Krieg. "Aber wir haben keine andere Chance, als die Terroristen zu bekämpfen", schiebt sie hinterher.

Panzerbilder und Hakenkreuze

Auf Facebook hat sich in den Wochen des Krieges eine eigene Front gebildet. "Blood Counts" informieren auf vielen Profilen über die Zahl der Opfer im Gaza-Krieg und in der eigenen Verwandtschaft. Statt Strandfotos sammelt jetzt fast jeder Palästinenser Kriegsbilder auf seinem Profil. Panzer im Abendrot, Kinder, die sich in roten Blutlachen spiegeln – Rot scheint die beherrschende Farbe im Kampf um Statements zu sein. Sie ist ein Zeugnis dafür, wie sich der Krieg im Alltag der Jugend aus Nahost anfühlt. Und wie er mit den Werkzeugen der Generation Online verarbeitet wird.

"Natürlich reagieren Online-Communitys sehr intensiv auf den Gaza-Konflikt", sagt Hendrik Speck, Informatikprofessor in Kaiserslautern. Speck untersucht die Dynamiken von Netzwerken und Plattformen wie Facebook und YouTube. Dank Web 2.0, sagt er, könne jeder zum Sender werden – "das Pushen von Informationen" gehe einfacher von der Hand. Wer auf Facebook ein Video oder auch nur einen Kommentar veröffentlicht, kann sich sicher sein, binnen Minuten weltweit Gehör zu finden. "Je härter die Bilder, desto größer das Echo", meint Speck.

Das habe auch einen Effekt auf die Nutzer. Wer im Netz anklickt, was die Tagesschau nie zeigen wird, der werde zum Mitwisser. Und damit laut Speck auch zum Teil des Lauffeuers: "Eine starke Vernetzung der User führt nicht nur zur Verbreitung, sondern oft auch zur Radikalisierung der Inhalte."

So dauerte es auch nicht lange, dass Videos auf YouTube mit extremen Kommentaren überfüllt worden: "Take an Uzi and kill an arab terrorist" konkurriert mit "Hitler should have finished the job". Zur Bekräftigung gibt es unter den Sprüchen Waffen und Hakenkreuze, gebastelt aus Rauten, Sternchen und Apostrophen. "Meinungen werden sich im Internet nie kontrollieren lassen", sagt Hendrik Speck, "aber schon ein Einzelner kann mit ein wenig Emotionalisierung das Steuer übernehmen".

"Wer ist hier der größere Terrorist?"

Oder auch wieder abgegeben: Als Lily ein Video auf ihr Profil lud, das zeigt, wie die Hamas Kinder als Schutzschilder einsetze, kam prompt eine Reaktion eines palästinensischen Freundes: "Es stimmt mich traurig, zu sehen, wie du so ein Video hochlädst." Und weiter: "Die israelische Regierung schickt 17-jährige Kinder als Soldaten los, um andere zu töten. Was glaubst du, wer ist hier der größere Terrorist?"

Natürlich seien ihre Freunde wütend auf sie. "Immer, wenn wir über den Krieg reden, wird es sehr emotional", sagt Lily. Sie will weder tote Kinder noch zerstörte Häuser, aber sie glaubt an keinen anderen Weg, um die Hamas zu stoppen. "Meine Freunde aus Ramallah verstehen mich, aber sie können dennoch nicht mit mir übereinstimmen".

Eine Freundin von Lily wünscht auf ihrem Profil "JEDEM EINZELNEN israelischen Soldaten in Gaza einen extrem schmerzhaften und entwürdigenden TOD". In den Kommentaren fand der Spruch ein wenig Kritik – und viel Zustimmung. Die Hoffnung auf Frieden und Verständigung wird auf beiden Seiten der Online-Profile zwar immer wieder ausgedrückt, doch auch immer wieder bezweifelt.

"Freundschaft ist sehr reizbar"

"Wir Palästinenser geben nicht jedem Israeli die Schuld für das, was in Gaza passiert", erzählt Jihan Abdalla, "aber der Kontakt untereinander, speziell was Freundschaft betrifft, ist gerade sehr schwer – und sehr reizbar." Jihan ist eine 22-jährige Palästinenserin aus Ost-Jerusalem. Auch sie ist mit Lily und vielen anderen Israelis befreundet. Ihr Profil ist beinahe nüchtern. Nur eine Statusanzeige spiegelte ihre Gefühle während der Kriegswochen wider: "Jihan is grieving". Jihan trauert.

In all den Kommentaren und Statusmeldungen erkennt Web-Experte Hendrik Speck dennoch etwas Gutes: "Die Diskurse auf Facebook und Co. unterstützen die Dialogfähigkeit jedes Einzelnen." Wer sich im Angesicht keine Kritik zu äußern traut oder zu befangen ist, über seine Gefühle zu reden, kann sich im Netz entfalten. "Links zu Videos oder Artikeln helfen dabei, die eigene Meinung zu untermauern", sagt Speck. Das führe zuerst zur Emotionalisierung, dann aber zur Annäherung.

Freunde, die sich auf Facebook in die Haare kriegen, waren auch vor dem Gaza-Krieg schon befreundet, "sie kennen mehr voneinander als nur den letzten Kommentar". Laut Speck könne eine gesunde Portion Online-Wut zwar einige Freundschaften zerstören – aber langfristig doch helfen, "die Emotionen auf der anderen Seite besser zu verstehen". Für Jihan ist die Freundschaft schon jetzt wichtiger als der Konflikt. Über ihre israelischen Freunde schreibt sie: "Ich bin mir sicher, dass wir Freunde bleiben – für all die Jahre, die noch kommen mögen." Die des Krieges und die der Hoffnung.

Contact

Professor Hendrik Speck. 2007.

Prof. Hendrik Speck
University of Applied Sciences Kaiserslautern
Department of Computer Sciences
Amerikastrasse 1
66482 Zweibrücken
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E-Mail: Hendrik.Speck  (at) hs-kl (dot) de
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