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Nagel, Niels. Die "nutzerbetriebene Rasterfahndung". Tagesschau. May 4, 2010.

Die Nutzerbetriebene Rasterfahndung. Facebooks neuer "Like-Button"

Datenschützer sprechen von "nutzerbetriebener Rasterfahndung" - die Internet-Gemeinde interessiert das kaum. Obwohl der Datenschutz von Experten als mangelhaft bewertet wird, ist mittlerweile jeder zehnte Deutsche bei Facebook registriert. Und das Unternehmen will mit dem "Like"-Button nun das Internet umwälzen.

Von Niels Nagel, tagesschau.de

Bislang kennen ihn die meisten Facebook-Anwender nur aus ihrem persönlichen Profil: den "Like"- oder "Gefällt mir"-Button. Gefällt einem die Statusanzeige eines Freundes ("War heute im Kino"), eine Ankündigung oder der Hinweis auf einen gelungenen Artikel, reicht ein Klick auf das "Daumen-Hoch" - Symbol und alle Freunde wissen, wofür man sich begeistert. Durch viele dieser Aktionen entsteht in den Facebook-Datenbanken ein komplexes Beziehungsgeflecht zwischen Beiträgen, Mitgliedern und deren Umfeld.

Silhouette vor einer Facebook-Browserfenster (Foto: dpa)
[Bildunterschrift: Laut einer aktuellen Auswertung der Facebook-Webedaten ist die Plattform in Deutschland seit Jahresanfang um 56 Prozent gewachsen. ]

Experten bezeichnen dieses Netz als sogenannten "Social Graph" - und das ist vor allem für die Werbekunden von Facebook interessant. Dank der gesammelten und gespeicherten Informationen über die Nutzer des sozialen Netzwerks können sie ihre Anzeigen deutlich zielgerichteter und effizienter schalten. "Mit den gespeicherten Daten wird also der Wert der Werbung erhöht - und den lässt sich Facebook dann natürlich bezahlen", sagt Hendrik Speck, Professor für Digitale Medien an der FH Kaiserslautern, im Gespräch mit tagesschau.de.

Facebook will das Internet neu aufrollen

Zwar verfügt Facebook mit fast einer halben Milliarde Nutzern neben den Konkurrenten Google und Twitter schon heute über einen der mächtigsten Social Graphs – doch damit gibt sich Facebook-Gründer Mark Zuckerberg jetzt nicht mehr zufrieden. Anstatt wie bisher den "Like"-Button ausschließlich auf den eigenen Facebook-Seiten zu verwenden, soll der "Gefällt mir"-Klick künftig auch auf jeder anderen Internetseite möglich sein, kündigte Zuckerberg auf der Facebook-Entwicklerkonferenz an. Keine drei Wochen ist das her und schon jetzt ziert der Button Tausende von Webseiten. Unter den prominenten Beispielen sind etwa die "Washington Post" oder CNN.

In Echtzeit Daten sammeln

Im Grunde kann aber jeder, der eine Seite im Netz hat - egal ob eine gut besuchte Nachrichtenseite oder ein kleines Nischenblog - mit wenig Programmieraufwand ein sogenanntes "Social Plugin", in diesem Fall den "Like"-Button, neben seinen Artikeln platzieren. Klickt diesen ein bei Facebook eingeloggter Besucher, sieht er sofort, welche seiner Facebook-Freunde ebenfalls den Artikel mochten. Anschließend taucht die Aktion als Objekt im persönlichen Newsfeed und im Feed der Facebook-Kontakte auf – und Facebook selbst erfährt in Echtzeit, welche Seiten oder Inhalte die Nutzer gerade im Internet aufgesucht haben und was ihnen dort gefallen hat.

Interview:

Kathrin Passig (Foto: picture-alliance/ dpa)
"Es gibt kein Zurück ... ... in die Zeit vor Facebook", meint Web-Expertin Passig [mehr]

Zuckerberg selbst bezeichnete diese neuen Möglichkeiten als eine der wichtigsten Neuerungen, "die wir jemals für das Internet gemacht haben". Und kaum ein Experte wagt, dieser Einschätzung zu widersprechen. Denn nicht nur Facebook profitiert von den zusätzlich gewonnenen Daten, sondern auch die Betreiber der eigentlichen Website. Mussten sie sich bisher mit Klickzahlen zufrieden geben, profitieren auch sie von der Datensammelwut Facebooks und können künftig genau nachvollziehen, wer ihre Produkte benutzt, was die User gut daran fanden und wer potenziell als Neukunde geworben werden kann. Sollte Zuckerbergs Plan aufgehen, könnte das Facebook-Werbenetz sogar besser als das System von Google werden.

Die Liste der "Social Plugins" ist lang

Doch der "Like"-Button ist nicht die einzige Neuerung. Daneben gibt es weitere "Social Plugins", die Internetseiten mit Facebook verbinden und von Betreibern kostenlos übernommen werden können. Ein "Activity Feed" aktualisiert ständig, wer was empfohlen hat, das "Recommendation"-Plugin zeigt dem Nutzer auf ihn zugeschnittene Empfehlungen an. Egal, ob er zuvor den "Like"-Button benutzt hat oder nicht. Allein der Umstand, dass ein Facebook-Freund ein Produkt für gut befunden hat, kann für Facebook Argument genug sein, für das gleiche Produkt zu werben. Schließlich sind Geschmäcker unter Freuden oftmals ähnlich.

Datenschutz bei Facebook - "erheblich mangelhaft"

Hendrik Speck
[Bildunterschrift: "Viele User gehen mit ihren Daten zu leichtfertig um", findet Internet-Experte Hendrik Speck. ]

Das Sammeln von Daten, ohne dass es die Nutzer bewusst mitbekommen, ruft einmal mehr die Datenschützer auf den Plan. Die sparten auch in der Vergangenheit nicht mit Kritik an Facebook. Erst vor kurzem bezeichnete die Stiftung Warentest den Umgang von Facebook mit sensiblen Daten als "erheblich mangelhaft". Andere Plattformen schnitten da besser ab. Facebook selbst zeigte sich von solchen Vorwürfen bislang wenig beeindruckt - und dürfte das wohl auch künftig so handhaben. Als amerikanisches Unternehmen unterliegt es nicht dem deutschen Datenschutz und die Gesetzgebung in den USA gilt als vergleichsweise lax. Nicht zu vergessen: Allein durch seine schiere Größe und Marktmacht lässt sich Facebook nicht mehr ohne weiteres kontrollieren.

Letztendlich liegt es wohl an den Nutzern selbst, inwieweit sie der Internet-Datensammelwut Einhalt gebieten wollen. Experte Speck ist da wenig optimistisch: "Im Grunde ist das ganze Web 2.0 doch eine nutzerbetriebene Rasterfahndung", sagt er im tagesschau.de-Gespräch. Und tatsächlich: Der "Gefällt mir"-Button verbreitet sich im Netz weit schneller als der Protest der Nutzer. Der Zuspruch für Facebook nimmt in Deutschland unverändert zu. Laut einer aktuellen Auswertung der Facebook-Werbedaten ist die Plattform in Deutschland seit Jahresanfang um 56 Prozent gewachsen. Jeder zehnte Deutsche ist ein Facebook-Mitglied. Tendenz steigend.

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Professor Hendrik Speck. 2007.

Prof. Hendrik Speck
University of Applied Sciences Kaiserslautern
Department of Computer Sciences
Amerikastrasse 1
66482 Zweibrücken
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