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Speck Hendrik and Sabine Hackländer. Die "Gefällt-mir-Button"-Expansion. SWR2 Kontext. Südwestrundfunk. Interview. May 12, 2010.

Die "Gefällt-mir-Button"-Expansion

Und andere Angriffe auf den Datenschutz

Gespräch mit Hendrik Speck, Professor für Informatik an der Fachhoschule Kaiserslautern, über Facebooks neue Unternehmensstrategie

Der "Gefällt-mir"-Button", den Facebook jetzt auf andere Seiten des Internet außerhalb seines sozialen Netzwerks ausdehnt, ist Teil einer Strategie, die das Unternehmen noch größer und einflussreicher machen soll. Dass der Schutz der Privatsphäre dabei auf der Strecke bleibt, wie Datenschützer kritisieren, stört das Unternehmen mit den ambitionierten Wachstumsplänen wenig. Über die Expansionspläne des sozialen Netzwerks Facebook hat SWR2-Kontext-Redakteurin Sabine Hackländer mit dem Informatikprofessor Hendrik Speck von der Fachhochschule Kaiserslautern gesprochen.

Herr Speck, Facebook würde am liebsten die ganze Welt vernetzen, obwohl nicht klar ist, ob damit überhaupt das richtig große Geld zu verdienen ist. Was steckt denn hinter den offen ausgesprochenen Expansionsplänen, wenn wir das Motiv der reinen Nächstenliebe mal außer Acht lassen?

Die Strategie, die Facebook und andere Internetunternehmen jetzt fahren, besteht darin, dass sie Werbung mehr mit persönlichen Empfehlungen verbinden. Das heißt, dass Werbung nicht mehr direkt als solche empfunden wird, sondern vielmehr als Hinweis von Freunden, als Ratschlag, als Empfehlung. Damit lässt sich a) teilweise die Blockade des Nutzers unterlaufen und b) lässt sich natürlich auch für Werbetreibende ein höherer Preis pro Werbung durchsetzen.

Wie funktioniert die Kooperation mit den Online-Händlern genau? Daten gegen Bares?

Facebook verkauft nicht die eigentlichen Nutzerdaten direkt, sondern den Zugang zu diesen Daten, versucht also, mit allen Möglichkeiten, die das Unternehmen hat, die vom Nutzer erfassten Daten weitestgehend zu vermarkten.

Wie lange bleiben denn diese Daten bei den Kooperationspartnern?

Die Frage nach der Speicherdauer dieser Daten ist ein sehr heikles Thema. Wir haben Daten, die einen unterschiedlichen Schutzgrad haben. Nach dem Bundesdatenschutzgesetz haben wir besonders schützenswerte Daten. Dazu gehören zum Beispiel personengebundene Daten, außerdem politische, religiöse, sexuelle Ausprägungen der Personen und dergleichen. Da sind die jetzigen Bestrebungen von Facebook, die diese Speicherdauer nicht mehr begrenzen wollen, ganz klar ein Verstoß gegen geltende Gesetzgebung in Deutschland.

Das findet Verbraucherschutzministerin Ilse Aigner auch. Sie drohte Facebook Anfang April mit der Kündigung ihrer Mitgliedschaft. Ihre Begründung: Wer mit privaten Daten im Internet Geld verdienen wolle, darf dies nicht ohne Einwilligung der Betroffenen tun. Das hört sich an wie das Brüllen eines zahnlosen Tigers. Gibt es keine besseren Möglichkeiten für die Politik, da einzuschreiten?

Den stärksten Hebel haben Gesellschaft oder Politik meiner Meinung nicht direkt bei Facebook, denn die werden sich darauf berufen, dass sie eine amerikanische Firma sind. Wesentlich sinnvoller ist das Ansprechen der größtenteils deutschen Werbetreibenden, die auf einer Plattform Werbung schalten, die nicht gesetzeskonform ist. Das heißt, der vielversprechendste Ansatz wäre, eine entsprechende Aufklärungskampagne in der Öffentlichkeit zu fahren, die auch deutschen Werbetreibenden klarmacht, welche Risiken es für ihr eigenes Image bedeuten kann, wenn Nutzerdaten verkauft, verhackstückt oder vermarktet werden.

Nutzen und verwerten denn deutsche Netzwerke wie die VZ-Gruppe die Daten genauso wie Facebook oder gibt es da Unterschiede?

Gerade in der letzten Zeit hat es bei den deutschen Netzwerken eine dramatische Umorientierung und eine wesentlich stärkere Hinwendung zum Datenschutz, zur Gesetzeskonformität usw. gegeben. Zum Beispiel wird bei SchülerVZ überhaupt keine verhaltensbasierte Werbung angeboten. Bei StudiVZ kann man diese, soweit ich weiß, abschalten. Grundsätzlich ist aber ihr eigentliches Geschäftsmodell dem von Facebook natürlich ähnlich.

Wie wichtig ist den Nutzern, also den Teilnehmern der sozialen Netzwerke, ganz allgemein Schutz und Sicherheit ihrer eigenen Daten?

Zum jetzigen Zeitpunkt stellen wir fest, dass gerade in der jugendlichen Zielgruppe eine "erfrischende" Mischung aus Naivität, Medieninkompetenz und Technikbegeisterung vorherrscht. Das heißt, es werden dort relativ viele Daten aus dem Privatleben offenbart, bei denen – und das ist nachgewiesen – den einzelnen Nutzern nicht klar ist, welche Auswirkungen das in Zukunft oder in anderen Bereichen für sie haben kann.

Facebook befindet sich auf einem steilen Wachstumspfad. Würden Sie sagen, trotz oder weil Facebook den Datenschutz für deutsche Verhältnisse ad absurdum führt?

Das ist eine sehr spannende Frage. Ein großer Anziehungsfaktor dieser Plattform besteht in diesem "Fremdschämen", diesem Nachschauen, der Neugier, dem Voyeurismus. Wenn sämtliche Anforderungen unserer klassischen Datenschutzgesetze, Normierungen oder Ansätze dort implementiert würden, hätten sie vermutlich eine relativ schnarchnasige, langsame, unattraktive Plattform, die niemanden interessieren würde. Das heißt, auch Facebook ist ein Spielball dieses gesellschaftlichen Wandlungsprozesses, und es ist noch nicht ganz klar, in welche Richtung der effektiv laufen wird.

Das heißt, Expansion und Erfolg von Facebook kann nur gelingen, wenn immer mehr persönliche Daten gesammelt werden?

Ja, und das ist ein großes, fröhliches, soziales Experiment. Das kann sich, das ist der Haken, natürlich zum Nachteil derjenigen auswirken, die da jetzt begeistert mitspielen.

Wo sehen Sie Facebook in 5 bis 10 Jahren? Als uneingeschränkten Marktführer, und zwar nicht nur im Bereich der sozialen Netzwerke, sondern vielleicht sogar als Konkurrent der Internetsuchmaschine Google?

Wenn man sich die Nutzerzahlen einmal anschaut, dann wäre Facebook zur Zeit das viertgrößte Land der Welt. Facebook versucht jetzt natürlich, die Millionen Nutzer dazu zu nutzen, auch in weitere Geschäftsbereiche vorzudringen, z.B. in den Bereich der Suche, der Empfehlungen, der kommerzielle Verwertungen. Mit dieser Nutzermacht können Sie da natürlich eine ganze Menge bewirken. Auf der anderen Seite sehen wir in sämtlichen anderen Technologiebereichen in der Vergangenheit, dass erfolgreiche Technologien sehr schnell kopiert und irgendwann sozialisiert werden. Das heißt, auch bei Facebook gehe ich davon aus, dass es so ähnlich sein wird wie zum Beispiel bei der E-Mail - dass also innerhalb relativ kurzer Zeit eine Standardisierung dieser Dienstleistung kommen wird, wo der Marktführer zwar noch existiert, aber seine führende Rolle verliert.

Die Fragen stellt Sabine Hackländer.

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Professor Hendrik Speck. 2007.

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