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Schieferecke, Marc. Die asoziale Seite der sozialen Netzwerke. Filder Zeitung. November 13, 2010.

Die asoziale Seite der sozialen Netzwerke

Vaihingen. Die Hochschule der Medien erklärt, wie Facebook und Co. die Daten ihrer Nutzer verwerten.

Um mal mit einem Kraftausdruck zu beginnen: "Ihre Eltern hatten diesen Scheiß nicht."

Vielen Dank, Herr Professor, für diese unmissverständliche Einschätzung.

Der Professor heißt Hendrik Speck. Mit Scheiß meint er die sogenannten sozialen Netzwerke: Facebook, StudiVZ, Myspace und so fort. Speck ist ein bundesweit gefragter Fachmann zum Thema und vergleicht das Entstehen jener Datensammelfabriken gern mit der Anfangszeit des Automobils. Nachdem unleugbar wurde, dass unerfahrene Chauffeure Menschen überfahren, verpflichtete der Staat zur Führerscheinprüfung. Bis Vergleichbares fürs Internet verbindlich wird, "brauchen wir noch einige Verkehrstote", sagt Speck - selbstverständlich auf der Datenautobahn.

Nebenberuflich ist Speck ein begnadeter Sarkastiker. Nicht nur deswegen sind ihm die meisten Zuhörer im Hörsaal 056 - genannt: das Aquarium - eher undankbar. Sie sind Studenten der Hochschule der Medien, also um die 20 Jahre alt, damit diejenigen, die schwören, ein Dasein ohne Facebook sei nur ein Siechtum. Manches von dem, was Speck sagt, dürften sie durchaus als beleidigend empfinden. Wie dies: "Frühere Generationen haben auch längere Sätze verstanden, kannten mehr Worte und wussten sogar, wie man sie richtig schreibt." Er meint damit, dass sich eben selten mit Bildung befasst, wer seine Zeit damit vertut zuzuschauen, wie der kleine Charlie seinem großen Bruder in den Finger beißt. Das haben auf Youtube bisher rund 250 Millionen Menschen getan.

Aber um Bildung oder Verbildung im Netz geht es nur am Rande. Es geht einen Nachmittag lang um Datenschutz. Fünf Referenten sind eingeladen. Das Fazit am Abend ist: Datenschutz im Web - gibt es nicht. Es sei denn für den letzten Referenten, Thomas Hochstein. Der ist Staatsanwalt, mithin verpflichtet, sich an deutsches Recht zu halten. Umgekehrt ist es ihm schier unmöglich, Gesetzesbrecher im Internet zu verfolgen. Vor allem, wenn sie im Ausland sitzen. "Da gibt es einen großen, tatsächlich rechtsfreien Raum", sagt Hochstein. Den nutzen Kriminelle auch für Straftaten in der realen Welt - vom Betrug bis zum Kindesmissbrauch.

Aber das ist nicht Specks Thema. Er will erklären, was sich mit den Daten all derer anstellen lässt, die weit mehr über sich und ihre Freunde preisgeben, als sie ahnen. Und er will fragen, warum gut 90 Prozent der Unter-30-Jährigen so treu im Ehrenamt Informationen für fragwürdige Konzerne sammeln, auf dass deren Gründer weitere Milliarden kassieren.

Weniger sarkastisch formuliert: "Vielleicht habt Ihr ja auch besseres zu tun, als Eure Daten freiwillig in den Rachen einer gewinnorientierten Verwertungsgesellschaft zu kippen und kümmert Euch mal um Euer Leben, die Welt da draußen und die wirklich wichtigen Probleme der Menschheit." Für diejenigen, die es angeht, klingt das nach einem Satz aus Omas Weisheitenschatulle. Aber er stammt aus einem Brief, den die sagenumwobenen Nerds des Chaos Computer Clubs an die Mitglieder von StudiVZ schrieben. Für die Generation 40 plus: Als Nerd gilt, wer sein Leben vor dem Rechner verbringt. In seiner ursprünglichen Bedeutung lautet die Übersetzung des Wortes Langweiler oder Sonderling.

Speck projiziert das Foto eines Formulars auf die Leinwand, mit dem die DDR persönliche Daten erfasste. "Die Stasi hat bei 16 Fragen Schluss gemacht", sagt er. Wer sich bei Facebook herumtreibt, beantwortet an die 100 Fragen über sich, darunter die nach politischer Einstellung, sexuellen Gewohnheiten und weitere, die nach dem deutschen Datenschutzgesetz als besonders schützenswert gelten. Welche Sicherheitseinstellungen der Benutzer wählt, ist dabei unerheblich. Denn "es gibt fünf, sechs andere Ebenen, die der Nutzer überhaupt nicht sieht", sagt Speck, in denen "kann man spaßige Analysen machen, das ist ein Klacks". Selbst Charakterprofile sind kein Problem.

Das Mindestalter gibt einen Hinweis darauf, wie wichtig den Betreibern ist, dass keine empfindlichen Daten ihrer Kundschaft ins weltweite Netz geraten: Myspace und Facebook sehen kein Problem darin, 13-Jährige Geschäftsbedingungen akzeptieren zu lassen, die selbst Erwachsene nur mühsam verstehen.

Allein die wichtigsten Regeln zur Datenverarbeitung und Nutzung von Faceboook umfassen 20 eng bedruckte A4-Seiten. Unter dem Strich steht dort: Das Unternehmen sichert sich das Recht zu, sämtliche Daten auszuwerten, zu speichern, weiterzugeben und für seine Geschäfte zu nutzen. Wem daraus ein Schaden entsteht, der hat Anspruch auf eine Entschädigung von höchstens 100 Dollar. "Dafür gibt es einen Rechtsbegriff, der heißt Sittenwidrigkeit", sagt Speck. Ähnlich sieht das ein der Datenschutz-Panik völlig Unverdächtiger: Die sozialen Netzwerke riskieren, den Ruf der gesamten Internet-Industrie zu ruinieren - so hat sich Larry Page empört, einer der Gründer von Google.

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Professor Hendrik Speck. 2007.

Prof. Hendrik Speck
University of Applied Sciences Kaiserslautern
Department of Computer Sciences
Amerikastrasse 1
66482 Zweibrücken
Germany

Office: Building O, Room O 017

E-Mail: Hendrik.Speck  (at) hs-kl (dot) de
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