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Speck, Hendrik. Der Digitale Pranger wartet auf jeden. Heilbronner Stimme. March 19, 2008.

"Der digitale Pranger wartet auf jeden"

Heilbronn - Hendrik Speck stellt Bewertungsportalen im Internet ein schlechtes Zeugnis aus und warnt vor dem völligen Verlust der Privatsphäre. Mit dem Medienwissenschaftler und Professor an der Universität Kaiserslautern unterhielt sich Marcel Auermann:


Wieso bewertet denn plötzlich jeder alles im Internet?

Hendrik Speck: Die generellen Einstiegsschwellen für den Zugang zu Medien sind gesunken. Zur Teilhabe am Internet reichen ein paar grundlegende Fertigkeiten und die Fähigkeit, einen Rechner anzuschalten. Spezialwissen ist im Großteil der Fälle nicht mehr notwendig, im Gegensatz zu Zeitungen und Fernsehen kann jeder Inhalte ins Netz stellen. Damit hat sich unser Verständnis von Öffentlichkeit verändert. Gleichzeitig verbringen wir mehr Zeit in den Online-Medien, wir sind mehr daran beteiligt, finden uns wieder, bringen uns mehr ein, greifen aber auch stärker in das System ein. Dadurch verändern sich auch unsere Werte und Normen.

Was ist der Nutzen?

Speck: Unternehmen und Medien können mehr auf die Wünsche der Kunden eingehen, da sie wissen, welche Neigungen sie haben. Für die Plattformen ist dies auch eine sehr effiziente Möglichkeit, einen Großteil der Arbeit auf kostenlose, aufmerksamkeitssuchende Nutzer auszulagern. Der Nutzer wiederum kann mit den Unternehmen und der über sie hergestellten Öffentlichkeit in eine Art Dialog treten und damit beinflussend eingreifen.

Und die Gefahren?

Speck: Im sozialen Bereich muss man ganz eindeutig sagen, dass unsere Gesellschaft auf derartige Bewertungsmodelle in der Öffentlichkeit noch nicht vorbereitet ist. Wir haben Schwierigkeiten, derartige Kommentare einzuschätzen und übertragen immer noch unsere klassischen Werte und herkömmlichen Vorstellungen.

Das bedeutet konkret?

Speck: Es findet eine Verschiebung von Privatsphäre und Öffentlichkeit statt und den Umgang mit dieser Transformation müssen wir erst erlernen. Erschwerend ist dabei die leichte Manipulierbarkeit durch unzureichende Technologien und Verifikationen. Viele Portale sind nicht in der Lage, die Relevanz entsprechender Beitrage zu prüfen, die Sicherungen gegen Manipulationen sind rudimentär und eine Überprüfung des Kundenverhältnisses oder der Beziehung zwischen Plattform und Urteilendem findet nicht statt. Der Großteil der Bewertungsportale hat kein Interesse an qualitativen Analysen, für sie zählt vielmehr die Popularität, Kontroverse und die anschließende kommerzielle Verwertung der Beurteilungen.

Dagegen wird nichts getan?

Speck: Lösungsansätze sind zum jetzigen Zeitpunkt rein technologisch basiert: Es wird beispielsweise danach geschaut, ob ein Professor mehrmals von demselben Computer bewertet wurde; ob Lob oder Abstrafungen sich innerhalb eines bestimmten Zeitraumes konzentrieren beziehungsweise ob die Beurteilung sich wesentlich vom Durchschnitt der anderen Beurteilungen unterscheidet. Wenn man allerdings weiß, wie solche Kontrollen aufgebaut sind, kann man diese beliebig umgehen und das Ergebnis entsprechend manipulieren.

Man muss sich letztlich also doch ein eigenes Bild machen?

Speck: Die Beiträge auf den Bewertungsportalen fallen und stehen mit der Validität. Solange es keine eindeutigen Namens- und Adressenanhänge bei den Beiträgen gibt, wird es schwierig mit der Ernsthaftigkeit der Kommentare und Urteile. Ebay macht das zum Beispiel. Dort kann man nur eine Bewertung abgeben, wenn man wirklich ein Produkt gekauft hat. Auf fast allen anderen Plattformen gibt es solche Mechanismen nicht, alles ist beliebig. Dennoch gilt: In einigen der Kommentare und Anmerkungen steckt sicherlich ein Körnchen Wahrheit.

Wie muss man sich denn künftig verhalten, dass man morgen nicht selbst an den Pranger gestellt wird?

Speck: Das Öffentlichkeitsbild wird sich schon in naher Zukunft grundlegend von unserem jetzigen Verständnis von Privatssphäre und Öffentlichkeit unterscheiden. Wir werden damit leben müssen, dass jeder schon morgen an der digitalen Version des mittelalterlichen Prangers vorgeführt wird. Entsprechend müssen wir uns schon jetzt auf ein aktives Management des öffentlichen Ichs, des eigenen Rufes einstellen. Dazu gehört auch, dass wir eine Differenzierung des Schutzbedürfnisses bestimmter Daten und Informationen durchführen müssen – bevor diese im Internet erscheinen und damit außerhalb der Einflussmöglichkeiten der informationellen Selbstbestimmung liegen. Der Verlust der Schutzzone der Privatssphäre zwingt uns auch zur permanenten Beobachtung und zum aktiven Management unserer Reputation. Eine Demokratisierung dieser Öffentlichkeitsarbeit betrifft dann deutlich mehr Schichten als Politiker, Anwälte, Professoren und Ärzte und zwingt weite Bevölkerungsteile, negativen Selbstdarstellungen mit positiven Inhalten gegenzusteuern.

Contact

Professor Hendrik Speck. 2007.

Prof. Hendrik Speck
University of Applied Sciences Kaiserslautern
Department of Computer Sciences
Amerikastrasse 1
66482 Zweibrücken
Germany

Office: Building O, Room O 017

E-Mail: Hendrik.Speck  (at) hs-kl (dot) de
Phone: +49 631 3724 5360

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