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Henrichs, Ina. Das Internet vergisst nichts. Kölner Stadt Anzeiger. February 21, 2008.

Das Internet vergisst nichts.

Hendrik Speck ist Informatikprofessor und Sozialwissenschaftler an der FH Kaiserslautern-Zweibrücken.

KÖLNER STADT-ANZEIGER Herr Speck, Sie haben gesagt, dass soziale Netzwerke wie StudiVZ mehr Informationen über Menschen vorhalten, als die Stasi sie je hatte. Sie reden aber nicht den Nutzern ins Gewissen, sondern jetzt vor allem den Betreibern?

HENDRIK SPECK Ich richte mich mit meinem Appell an die Betreiber, weil sie jetzt mehr denn je von Investoren unter Druck gesetzt werden. Sie fordern endlich Gewinn ein. Aber die meisten der hiesigen Plattformen haben ihre Grenzen des Wachstums erreicht. Was bleibt? Sie versuchen, die privaten Profile möglichst lukrativ auszuwerten.

Das heißt, Nutzer müssen noch mehr als bisher damit rechnen, ausspioniert und mit Werbung bombardiert zu werden?

SPECK Richtig. Und zwar über sämtliche Kanäle, die verfügbar sind: Per SMS und E-Mail und Briefkasten. Die Betreiber tun so, als gehörten ihnen die Daten. Aber das Konzept wird scheitern.

Weil Nutzer wie im Falle von StudiVZ abwandern?

SPECK Nutzer virtueller Netzwerke sind nicht besonders treu und viel mehr Menschen hinterlegen in ihren Profilen gefälschte Informationen. Das ist natürlich nicht Sinn der Sache. Sie vereiteln damit aber eine Form der Bespitzelung, die immer erschreckendere Formen annimmt. Im Zeitalter von Phishing und Virenattacken sind soziale Netzwerke der Traum von Kriminellen und Direct-Marketing-Spezialisten. Inzwischen gibt es junge Programmierer, die für ein paar Hundert Euro Werkzeuge entwickeln, mit denen zielgerichtet minderjährige, alte oder vermeintlich wohlhabende Nutzer ausfindig gemacht werden können. Das lässt sich doch keiner gerne gefallen.

Wie akut sehen Sie die Gefahr, dass die Daten tatsächlich in kriminelle Hände geraten?

SPECK Im Jahr 2006 ergab eine Untersuchung in den USA, dass die bei Jugendlichen beliebte Plattform MySpace auch von 744 Sexualstraftätern heimgesucht wurde. Das neues Hobby amerikanischer Hacker ist es, private MySpace-Fotoalben auszuplündern und sich über halbnackte Menschen zu amüsieren. Was glauben Sie, was in Deutschland los ist, wenn ein junges Mädchen aufgrund ihres leicht zugänglichen StudiVZ-Profils belästigt oder gar vergewaltigt wird?

Aber würde denn ein Verhaltenskodex, wie Sie ihn fordern, tatsächlich helfen? SPECK Den Betreibern bleibt keine andere Wahl, als gesellschaftliche Verantwortung zu übernehmen. Wir haben die Daten der Nutzer untersucht. Abgesehen davon, dass sie erschreckend banal sind: Es liegen über den Nutzer mehr personenrelevante Informationen vor als beim Einwohnermeldeamt. Und da gelten immerhin knallharte Gesetze.

In welcher Form wollen Sie die Selbstverpflichtung denn durchsetzen?

SPECK Das Internet ist inzwischen ein anerkanntes Massenmedium, und wie andere Massenmedien bedürfen sie eines Beirats, der Nutzer, Betreiber und Datenschützer zusammenbringt. Gewünscht wird keine staatliche Zensur nach chinesischem Vorbild, aber auch kein Sozialdarwinismus mit angeschlossener Datenprostitution.

Wie reagiert man auf Ihren Vorschlag?

SPECK Den Bedarf einer Selbstverpflichtung im Rahmen der freiwilligen Selbstkontrolle der Multimedia-Diensteanbieter sieht auch Marcus Riecke, der Geschäftsführer von StudiVZ. Es wäre wirklich lobenswert – zumal andere Plattformen schon die nächste Stufe gezündet haben: Google hat mit „OpenSocial“ Schnittstellen standardisiert, um Daten von einer Community zur anderen zu übertragen. Sprich: zwischen den kommerziellen Projektpartnern. Das hat mit informationeller Selbstbestimmung und Schutz der Privatsphäre nichts mehr zu tun.

Wie würden sich die Veränderungen auf unsere Privatsphäre auswirken?

SPECK Rechnen können wir mit einer verstärkten Selbstzensur – und vor allem mit der Tatsache, dass Computernetzwerke nicht vergessen. Die urchristlichen Konzepte von Vergeben und Vergessen werden bald der Vergangenheit angehören.

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Professor Hendrik Speck. 2007.

Prof. Hendrik Speck
University of Applied Sciences Kaiserslautern
Department of Computer Sciences
Amerikastrasse 1
66482 Zweibrücken
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