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Brauck, Markus, Klaus-Peter Kerbusk and Jan Puhl. Multimedia. Geiz verbindet. Der Spiegel. May 18, 2009, No. 21/2009, pp. 78.

Geiz verbindet.

Die beiden Mobilfunkriesen T-Mobile und Vodafone gerieten jüngst mit Nokia aneinander. Der Streit entzündete sich an Skype, einer kleinen Software mit großem Gefahrenpotential für die Konzerne, denn sie macht Gratis-Telefonieren möglich. Das Mobilgeschäft der Zukunft steht auf dem Spiel.

Wenn moderne Eltern auf Reisen sind - und das sind moderne Eltern oft - dann kümmern sie sich natürlich auch unterwegs via Telefon um ihren Nachwuchs. Besonders moderne Väter und Mütter, die auch technisch ein bisschen auf Zack sind, telefonieren aber nicht nur. Sie skypen.

Skype ist einer jener Internet-Trends wie Twitter und Google, deren Relevanz man schon daran erkennt, dass sie auch als Verb existieren. "Skypen" klingt auch viel eleganter als "Internet-Telefonie" oder "Voice over IP".

Gerade berufstätige Eltern auf Reisen nutzen die Möglichkeit, über das Internet Videogespräche mit ihrem Nachwuchs zu führen. Beide sitzen dann vor ihren Laptops mit eingebauter Kamera und Mikrofon. Über die ohnehin fälligen Flatrate-Gebühren hinaus kostet sie das Bildschirmgeplauder keinen Cent.

Im Festnetz ist Skype längst etabliert. Der Nutzen für User liegt auf der Hand: Untereinander telefonieren sie kostenlos. Gespräche ins Festnetz großer Anbieter oder ins Ausland kosten nur wenige Cent.

Angeblich haben bereits über 440 Millionen Menschen weltweit die Software auf ihre Rechner heruntergeladen. Das ist eine Größenordnung, die Telefonkonzerne nicht mehr ignorieren können. Sie haben sich wohl oder übel damit arrangiert und darüber hinweggetröstet, weil Festnetzgespräche ohnehin immer billiger wurden, das große Geld wird ja mit Mobiltelefonaten verdient.

Doch neuerdings kracht es wieder in der Branche. Denn Skype tritt nun an, den Telefonkonzernen auch das lukrative Geschäft mit den Handy-Telefonaten zu vermiesen. Und mehr noch: Die gefürchtete Kostenlos- und Billigkultur des Internet erreicht damit das Mobilgeschäft.

Dabei sollten gerade iPhone, Blackberry oder Googles G1 dafür sorgen, dass mit dem Internet endlich auch mal Geld verdient wird. Mit großem Druck haben die Telefonkonzerne in den vergangenen Jahren ihren Kunden sogenannte Smartphones angedient, weil sie dort das nächste große Geschäftsfeld vermuten.

Auf den ersten Blick sieht auch alles ganz wunderbar aus: Mit dem iPhone machte Apple nicht nur vor, wie man den Konsumenten das mobile Internet schmackhaft macht. Die Hardware-Edelschmiede erbrachte auch den Beweis, dass man das Handy zu einer Art modernem Münzautomaten machen kann.

Grund: Die gleichen Kunden, die im Internet am liebsten alles kostenlos wollen, zögern nicht, auf ihrem iPhone für Musik und Mini-Programme zu zahlen, die das Handy nach Belieben in eine Spielkonsole, ein Navigationsgerät oder auch nur eine elektronische Wasserwaage verwandeln. Von einem "digitalen Pawlowschen Reflex", spricht die "New York Times": "Das Handy klingelt, und wir zahlen."

Da stört ein Geschäftsmodell wie das von Skype kolossal. Dementsprechend rebellisch reagierten T-Mobile und Vodafone daher auch, als Nokia jüngst ein neues Handy ankündigte, auf dem Skype schon ab Werk installiert ist.

Das Gerät würden sie so jedenfalls nicht weiterverbreiten. Es klang nach Boykott unter den Riesen des Geschäfts. Und es ging um mehr als um dieses eine Handy, auch um mehr als Skype.

"Das war der Auftakt zur eigentlichen Schlacht: Wer bestimmt, was auf die mobilen Endgeräte gespielt wird?", glaubt Informatikprofessor Hendrik Speck von der FH Kaiserslautern. "Der Nutzer? Die Telekommunikationskonzerne? Die Handy-Hersteller?" Denn wer dort das Sagen hat, der dominiert auch, wo demnächst Geld verdient wird im mobilen Web - und ob überhaupt.

Einen Tag nach den Berichten über eine angebliche Boykottdrohung versuchten die Mobilfunkmanager eilig, die Wogen zu glätten. Spezielle Tarife für Internet-Telefonierer mit Handy sind nun im Gespräch. Und die Branche versucht die gefährliche neue Redefreiheit herunterzuspielen. "Wir sehen die Entwicklung ganz gelassen", sagt ein Vodafone-Manager. Er vermutet gar, mit dem "angeblichen Streit" habe Skype nur "für Aufmerksamkeit sorgen und seinen Marktwert vor dem geplanten Börsengang ein wenig pushen wollen".

Aber das Grundproblem bleibt, auch wenn Skype selbst Probleme hat. Umgerechnet 2,5 Milliarden Euro hat das Online-Auktionshaus Ebay 2005 für das Unternehmen bezahlt. Doch mittlerweile will der US-Konzern die Telefoniesparte wieder loswerden.

Zwar hat sich die neue Technik im Festnetz etabliert, sie wird sogar von einigen Firmen genutzt, doch den Angreifern hat das längst nicht die erhofften wirtschaftlichen Erfolge gebracht. Experten sehen dafür vor allem zwei Gründe: Zum einen waren die Bandbreiten im Internet beim Start von Skype noch nicht so weit ausgebaut, dass Telefonate ohne hörbare Qualitätseinbußen möglich waren. Das hat sich allerdings geändert.

Doch inzwischen sind die Preise für Festnetzgespräche so dramatisch gefallen, dass in der Regel nur echte Geizkragen beim Telefonieren aufs Internet ausweichen. Lediglich bei Auslandstelefonaten oder der Videotelefonie lohnt es sich wirklich. Und das sind noch Nischen.

Ein ähnlicher Preisrutsch wie im Festnetz ist bei den Mobiltarifen zurzeit nicht in Sicht - dafür sorgen nicht zuletzt die sogenannten Terminierungsgebühren, die Mobilfunkbetreiber sich gegenseitig in Rechnung stellen, wenn sie ein Gespräch vom eigenen in ein anderes Netz vermitteln. Sie machen derzeit allein rund sieben Cent pro Minute aus. Zudem haben die Netzbetreiber für ihre Smartphone-Kunden nicht nur Flatrates für den Datenverkehr eingeführt. Viele bieten sie auch fürs Telefonieren - zumindest in Teilbereichen. Skypen lohnt sich für diese Klientel dann oft allenfalls noch für Auslandsgespräche.

Ist das von dem Dänen Janus Friis und dem Schweden Niklas Zennström gegründete Unternehmen also Totengräber für die globalen Riesen - oder doch eher Nischenspielzeug ohne Aussicht auf großen Gewinn?

Im Skype-Quartier im estländischen Tallinn arbeiten 300 Programmierer und Kommunikationsexperten aus 25 Nationen. Die jungen Frauen am Empfang tragen Jeans und duzen Besucher. Auch jemand aus dem höheren Management wie Sten Tamkivi kommt bei gutem Wetter in kurzen Hosen. Die Konferenzräume sind in Pink, Gelb und Grün gehalten und heißen "Erdbeere", "Käse" oder "Krokodil".

Viele Mitarbeiter sind halb Tüftler, halb Spielkind. Ihr Video-Telefonie-Programm erinnert ein wenig an alte "Star Trek"-Träume von der Bildschirmkonferenz quer durch den Kosmos. "Vor ein paar Jahren hat noch niemand geglaubt, dass das überhaupt möglich wäre. Wir sind alle sehr stolz hier", sagt Managerin Leelia Rohumaa.

Der mobile Angriff dieser osteuropäischen Start-up-Truppe trifft die Telefonbranche ausgerechnet in der lange erhofften Aufschwungphase fürs mobile Netz. Seit Juli vergangenen Jahres haben die Apple-Kunden etwa über das iPhone weltweit schon mehr als eine Milliarde Programme aus dem Internet geladen, im sogenannten App Store für Applikationen. "Innerhalb von neun Monaten", jubelt Apples Marketing-Chef Philip Schiller, "hat der App Store die Mobil-Industrie komplett revolutioniert."

Bis dahin war das mobile Internet allerdings auch alles andere als eine Erfolgsgeschichte. Rund 50 Milliarden Euro hatten allein die deutschen Mobilfunkbetreiber im Jahr 2000 als Lizenzgebühren an den Staat bezahlt, um die für die schnelle Datenübertragung notwendigen Frequenzen zu ergattern. Eine ähnlich hohe Summe steckten sie obendrein in den Aufbau der sogenannten UMTS-Netze.

Doch der Traum vom großen Geschäft mit dem mobilen Internet erfüllte sich nicht. Statt per Handy zu surfen oder E-Mails zu schreiben, begnügten sich die Kunden zunächst lieber mit den altbackenen SMS-Nachrichten, die auch schon mit den alten Mobilfunknetzen funktionierten. Der Bildschirm der Geräte war meist mickrig, die Handhabung knifflig. Das mobile Internet machte so viel Spaß wie ein Spaziergang im Gefängnishof.

Lange Zeit verschleierte das gigantische Wachstum der Kundenzahlen den Flop. Doch seit die Netzbetreiber und ihre Vertriebspartner mehr als hundert Millionen Sim-Karten in Deutschland unters Volk gebracht haben, ist von Wachstum kaum noch die Rede.

Stattdessen verschärft sich der Wettbewerb. Auch politischer Druck aus der EU-Kommission in Brüssel sorgt dafür, dass die Preise beim Handy-Telefonieren immer weiter fallen. Schön für die Kunden, doch die Mobilfunkbetreiber sehen mit wachsender Sorge auf jene Kennzahl ihres Geschäfts, die das ganze Dilemma ausdrückt: den durchschnittlichen Umsatz pro Kunde und Monat, im Branchenslang Arpu genannt.

Fast 21 Euro im Monat kassierte zum Beispiel Vodafone im Jahr 2006 noch von einem Durchschnittskunden in Deutschland. Ende vergangenen Jahres waren es nur noch 16,20 Euro. Ähnlich sieht es bei der Konkurrenz aus. Ein Ende des Niedergangs ist nicht absehbar.

Nicht einmal einen Euro pro Monat gaben etwa die T-Mobile-Kunden europaweit im Jahr 2006 für ihre Ausflüge ins mobile Internet aus. Ein Ausgleich für die fallenden Preise beim Telefonieren war das nicht. Folge: Die Umsätze der einstigen Boombranche sinken.

Die Konzerne waren sich zu sicher: Wenn eines Tages im mobilen Internet Geld verdient werden würde, dann wären sie dabei. Schließlich hätten sie ja die Rechnungsbeziehung zum Kunden. An ihnen käme niemand vorbei. Meinten sie. Doch dann scheuchte Apple mit seinem iPhone vor knapp zwei Jahren die Branche auf. Der Handschmeichler aus Kalifornien erleichterte nicht nur den Schritt ins mobile WWW, sondern veränderte auch das Verhalten der übrigen Mobilfunkkunden. Allerdings nur zum Teil so, wie es sich die Konzerne wünschten.

Zwar verzeichnen die Mobilfunkbetreiber inzwischen bei ihren Datenumsätzen genau jene Wachstumsraten, die sie sich bereits vor Jahren beim Start der teuren UMTS-Netze erhofft hatten. Bei der Telekom-Tochter T-Mobile etwa wuchs die Zahl der Nutzer des mobilen Webs in Europa inzwischen auf rund 6,5 Millionen. Anfang 2007 waren es erst 2 Millionen. Und das, glaubt Telekom-Chef René Obermann, "ist erst der Anfang".

Doch längst sind sie nicht mehr die Einzigen, die daran verdienen. Apple kassiert in seinen virtuellen iTunes und App Stores ohne viel Aufwand die Millionen selbst ab. Auch Skype verdient ein bisschen was mit der Vermittlung seiner Billiggespräche in die Netze der Telefonriesen.

Zwar ist die Gratiskultur des Internet auch im mobilen Web noch allgegenwärtig - auch im App Store sind jene Programme besonders beliebt, die kostenlos zu haben sind. Doch nachdem der kalifornische Computerkonzern vorgemacht hat, wie man an den Netzbetreibern vorbei Gewinne machen kann, basteln alle Großen der Technologiebranche an ähnlichen Stores. Der Suchmaschinen-Riese Google, dessen Mobilfunkbetriebssystem Android auf Handys des taiwanischen Herstellers HTC läuft, ist mit seinem Online-Geschäft dem Vorbild Apple schon sehr nahe gerückt.

Auch der finnische Handy-Primus Nokia verkauft in seinem Ovi genannten Shop schon jetzt Spiele, Navigationslösungen oder Handys mit einer Flatrate für Musik. "Wir sprechen nicht länger über neue Modelle", sagt Nokia-Chef Olli-Pekka Kallasvuo. "Künftig wird eine Kombination aus Gerät und Diensten den Unterschied ausmachen." Und genau da liegt die Bedrohung für die Mobilfunkbetreiber. Bislang konnten sie allein bestimmen, wer mit welchen Angeboten in ihren Netzen Geschäfte machte. Im Zeitalter des Internet geht diese Herrschaft verloren.

Am Ende könnten die einst unangreifbaren Netzbetreiber zu virtuellen Speditionsfirmen, degradiert werden, zu bloßen Lieferanten von Bits und Bytes. Und diese Schreckensvision, glauben die Experten der Unternehmensberatung Booz Allen Hamilton, sei "keine theoretische Gefahr mehr", sondern "ein sehr wahrscheinliches Szenario". Skype hin, Hype her.

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Professor Hendrik Speck. 2007.

Prof. Hendrik Speck
University of Applied Sciences Kaiserslautern
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